Neugründung in Schiefbahn Ein „Wildes Herz“ für Körperschmuck

Andrea Gessat-Helmreichs Kunst geht unter die Haut. Die 53-Jährige „malt“ Bilder auf Nacken, Schulter, Rücken oder Knöchel — ganz wie es der Kunde in ihrem Tattoo-Studio wünscht.

Schiefbahn. „Wild at heart“ ist ihr Lieblingsfilm. „Aber auch sonst passt das „Wilde Herz“ zu mir, da ich neugierig, rast- und ruhelos bin und man mich nicht festhalten kann“, sagt Andrea Gessat-Helmreich. Die 53-Jährige hat sich mit ihrem Tattoo- und Piercing-Studio „Wild at heart“ in Schiefbahn an der Hubertusstraße 11 selbstständig gemacht.

Die WZ hat die 53-Jährige in ihrem Shop eine Stunde lang besucht. Und in dieser Zeitspanne ist einiges los, werden mit ihrer Mitarbeiterin Jennifer Steves (42) zwei Kundenwünsche erfüllt. Zum einen ist zu Beginn des Gesprächs gerade das Tattoo für die 18-jährige Wachtendonkerin Jasmin auf ihrem Nacken fertig geworden: ein Adler mit Engel-Flügeln und einer Sanduhr, auf der oben und unten der Geburts- und Todestag ihres Vaters eingeritzt ist. Zur „Verstärkung“ hatte Jasmin ihren Freund Sebastian und ihre Freundin Lisa mitgebracht. Das Trio ist mit der Arbeit sehr zufrieden.

Wenig später betritt Anna Königshofen den Laden. Die junge Dame kommt aus Neersen und hat ihren Vater Manfred dabei. Dieser hat seiner Tochter und Katzenliebhaberin das Tattoo zum Geburtstag geschenkt. Denn Anna ist just an diesem Tag 26 Jahre alt geworden; ihre Katze „Mausi“ ist zuhause geblieben. Gleichwohl sie sich jetzt das Tier bei jeder Gelegenheit anschauen kann: auf ihrem rechten Knöchel soll nämlich ein kleines Katzengesicht tätowiert werden.

„Der Laden läuft“, bestätigt Chefin Andrea Gessat, die den Schiefbahnern unter ihrem Mädchennamen Helmreich viel besser bekannt ist. Dort hat sie mit den Eltern viele Jahre gelebt, jetzt wohnt sie in Neersen. Sie ist vielseitig interessiert, malt und fotografiert, liebt die Musik, vor allem den Punk-Rock und den Jazz/Blues, hatte auch früher als Gitarristin in verschiedenen Bands gespielt.

Eigentlich wollte sie mal Malerei und Fotografie studieren. „Mach was Bodenständiges, also etwas Vernünftiges“, setzte sich ihr Vater durch. Tochter Andrea ließ sich zur Einzelhandels-Kauffrau ausbilden, arbeitet einige Zeit im Sportgeschäft ihres Vaters Karl-Heinz Helmreich in Düsseldorf.

Es musste auf Dauer etwas anderes sein. Erst war es der Szene-Shop „Cräsch“, den sie in Düsseldorf mitführte. Mit vielen CD´s mit ihrer Musik, mit vielen Dingen, so Comics, Klamotten oder Deko-Artikeln. Sie ließ sich in dieser Zeit erst einmal im Piercing ausbilden, wollte dafür mobil sein und die Kunden mit ihrem Auto besuchen.

Bis ins Fernsehen hatte die 53-Jährige es mit ihrem „Düsseldorfer Piercing Taxi“ geschafft. Allerdings stutzte seinerzeit, es muss das Jahr 1994 gewesen sein, der Mitarbeiter im Düsseldorfer Gewerbeamt: Er hatte von Piercing noch nie etwas gehört. „Auf meinem Gewerbeschein stand dann: Für einen Einsatz von Körperschmuck mittels einer Ohrlochpistole...“, erzählt sie lächelnd.

Durch ihr Piercing traf sie dann auf Messen, bei anderen Events oder in den Studios zahlreiche Tätowierer. Die Pausen nutzte sie zu vielen Beobachtungen und Gesprächen oder sie begann mögliche Tattoo-Motive zu malen, so chinesische Schriftzeichen, Skorpione, Schlangen, Drachen, Engelchen oder Teufelchen. Derzeit zeichnet sie oft beim Frühstück und einer Tasse Kaffee sogenannte WannaDo-Tattoovorlagen: kleine witzig aussehende Voodoo-Püppchen.

Das richtige Tätowieren erlernte sie dann nahezu zwei Jahre lang, so dass die Freiberuflerin dies dann ebenfalls beherrschte. Ab 1996 arbeitete sie viele Jahre im Neersener Tattoo-Shop von Andy, ehe sie dann 2017 einen eigenen kleinen Laden in Neukerk eröffnete. Sie schaute sich aber weiter um, zumal für die Neersenerin der Hin- und Rückweg immer sehr zeitraubend war. Per Zufall erfuhr Andrea dann, dass ein Ladenlokal in Schiefbahn an der Hubertusstraße 11 (vormals Lotto-Toto) frei wurde und griff im Juli diesen Jahres sofort zu.

„Ich mag vor allem, dass ich mit einigen Mädchen zusammen arbeite“, sagt Andrea Gessat und meint nicht nur Jennifer Steves, die außerdem eine leidenschaftliche und gute Hobbymalerin ist. Als weitere freie Mitarbeiterin gehört die 23-jährige Duisburgerin Antonina ebenso dazu wie Simone, die die Kunst der schönen Buchstaben, das sogenannte Handlettering, beherrscht. Ohne Mann geht es aber nicht ganz: Ab und an tätowiert Dogan mit, ein Flüchtling aus Syrien.

Das Gespräch ist fast zu Ende, als die 21-jährige Viersenerin Nadja den Laden betritt. Sie hat für ihr Tattoo, das sie auf der Schulter platziert haben möchte, ihre Vorstellungen: eine Pusteblume mit dem Unendlichkeitszeichen soll es sein, mit dem Todestag ihres Opas drauf.

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