Ein Israeli vom Niederrhein

Ein Israeli vom Niederrhein

Geschichte: Werner Rübsteck überlebte das Wüten der Nazis. In Schiefbahn wurde er 1927 geboren, jetzt starb er in Israel. Es ist die Geschichte eines Mannes, der nach den Schrecken auf Tatkraft setzte.

Schiefbahn/Haifa. Als die anderen Kinder in Schiefbahn nicht mehr mit ihm spielten, merkte Werner Rübsteck, dass etwas nicht stimmte. Systematisch wurde er als deutscher Jude schon in den frühen NS-Jahren diskriminiert. Seine Kindheit am Niederrhein endete im Dezember 1941, als er und seine Familie in das Ghetto im lettischen Riga deportiert wurden. Dort erschossen die Bewacher seinen Vater, Albert Rübsteck. Werners Mutter Betty und die jüngere Schwester Ruth wurden von Riga nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Werner arbeitete in einer Autowerkstatt der SS. 1944 kam er in das KZ Stutthof, danach musste er auf einer Danziger U-Boot-Werft als Schweißer arbeiten. Anfang 1945 brachte ihn der Typhus an den Rand des Todes. Im März 1945 befreite ihn die Rote Armee.

„Eine russische Sanitätseinheit hat uns mit Haferschleim hochgepäppelt, die hatten Erfahrung mit Hungersymptomen“, erzählt Rübsteck in seinen Erinnerungen. Im Mai machte sich auf den Weg nach Westen. „Jeder wollte nach Hause, um zu sehen, ob vielleicht doch jemand von der Familie überlebt hatte.“

Im Sommer 1945 war er wieder in Schiefbahn — ihm wurde klar, dass von seiner Familie keiner mehr lebte. Nur ein paar persönliche Gegenstände erinnerten ihn an die Ermordeten. Seine Eltern hatten in den Tagen vor der Deportation heimlich noch einiges zu den befreundeten Nachbarn geben können — darunter waren auch Familienfotos.

Dem 18-jährigen Werner ging es so wie anderen Holocaust-Überlebenden: „Alle wollten weg aus Deutschland.“ Das wussten auch jüdische Organisationen, die Überlebende für die Auswanderung nach Palästina gewinnen wollten. Werner war dabei. Nach eigenem Bekunden hatte er sich schon als Schüler vom Zionismus — der Idee eines jüdischen Staates — begeistern lassen und Hebräisch gelernt. Nach dem Krieg nahm er an Vorbereitungskursen für Auswanderer teil. Ab 1946 half er in Marseille bei der Organisation der illegalen Einwanderung nach Palästina. Schließlich bestieg auch er eines der Schiffe.

„Wir wussten, dass wir dort in einen Krieg kommen“, so Rübsteck. 1948 kämpfte er im Unabhängigkeitskrieg für den jungen Staat Israel. In Haifa wurde er von mehreren Kugeln schwer verwundet; dennoch blieb er bis 1982 als Reservist in der israelischen Armee. Ab 1948 baute er einen Kibbuz mit auf.

Eine neue Familie, ein neuer Staat — das waren seine Ziele. Als hebräischen Vornamen wählte er Chaim — das heißt Leben. Im Kibbuz traf er Livia „Lilly“ Schwalb, eine Holocaust-Überlebende aus Budapest. Beide hatten ihre Familien verloren; sie heirateten und bekamen zwei Töchter. Nach den Jahren im Kibbuz handelte Rübsteck europaweit mit Marmor aus israelischen Steinbrüchen.

Anfang der 70-er Jahre lud Dr. Hans Lamers, damals Bürgermeister der Stadt Willich, die ehemaligen jüdischen Bürger ein, die alte Heimat zu besuchen. Einer der ersten, die kamen, war Werner Rübsteck. Denn Hans Lamers war ein Freund aus Kindheitstagen — in der NS-Zeit hatte er als einziger Junge aus Schiefbahn noch mit ihm gespielt.

Seit dem ersten Besuch pflegte Rübsteck freundschaftliche Kontakte nach Schiefbahn. Der menschenfreundliche und humorvolle Mann reichte jenen die Hand, die nicht verdrängten, was geschehen war. Ein Bild von Schiefbahn in seinem Arbeitszimmer in Haifa erinnerte ihn stets an Deutschland. Im Wohnraum standen Fotos seiner ermordeten Eltern und seiner Schwester Ruth — das war seine Vergangenheit. Sein Blick galt jedoch der Zukunft. Und die hatte einen Namen: Daphne, die erste Urenkelin, war sein ganzer Stolz.

Mit 83 Jahren ist Werner Rübsteck nun in Israel gestorben.

“ Der Verfasser: Alexander Berkel (48) aus Wesel, Historiker, arbeitet als Redakteur in der ZDF-Redaktion Zeitgeschichte. Seine Ausbildung hat er bei der Westdeutschen Zeitung gemacht. Er war mit Werner Rübsteck befreundet.

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