Ein Imker und ein Landwirt kämpfen für Insekten.

Natur : Neue Blühflächen braucht das Land

Eine Willicher Imkerin und ein Krefelder Landwirt gehen mit gutem Beispiel voran. Ein Appell an Landwirte in der Region.

Zwischen Tannenbäumen wachsen Klee, Löwenzahn, Mohn oder Kamille – ein Eldorado für Bestäuber, findet Regine Klemens aus Willich. Die 50-jährige Radiologieassistentin ist Hobby-Imkerin und Mitglied im Tönisvorster Imkerverein. Mit einem Appell an Landwirte, wendet sich die Willicherin an die WZ: „Seit Jahren kämpfe ich mit dem Problem, meine Völker übers Jahr zu bringen. Meine Bienen hungern. Wir brauchen solche Landwirte wie Jan Schmitz aus Krefeld, die mit uns Imkern ins Gespräch kommen.“

Die acht Bienenvölker von Klemens sammeln in Willich und Krefeld-Forstwald ihren Honig. Die Ernte unterscheide sich  erheblich je nach Standort: „Zwei Drittel kommen aus Forstwald, ein Drittel aus Willich“, erzählt die Honigsammlerin. Sie führe dies auf die Blühflächen von Landwirt Schmitz zurück. Die Bienen hätten mehr Nahrung und seien weiter entwickelt. Ab Juli biete die Natur kaum noch Trachtpflanzen, die eine wichtige Nahrungsquelle für bestäubende Insekten seien.

Massentracht wie Raps, der zwei bis drei Wochen im Jahr blüht, fülle zwar kurzfristig die Honigräume, sichere aber nicht das Überleben. Die Bienen bräuchten das ganze Jahr über Nektar und Pollen. Gerade im Spätsommer, um gut genährt den Winter überstehen zu können. Denn anders als Wespen oder Hummeln, bei denen nur die Königin überlebt, sammeln Bienen Proviant und rücken eng zusammen, um den Winter zu überstehen.

Landwirte könnten Abhilfe bei der Nahrungsknappheit schaffen, indem sie vom Frühjahr bis in den Spätherbst Blühpflanzen in ihre Anbauflächen integrieren: „Man sieht so viel Mais und Winterweizen auf den Feldern“, stellt Klemens fest und fordert mehr Abwechslung. Möglichkeiten für Blühflächen oder -streifen seien immer dort, wo Flächen nicht landwirtschaftlich genutzt und keine nennenswerten Nachteile für Landwirte entstehen.

Nahrung für Insekten aus dem eigenen Garten

In den heimischen Gärten könne jeder etwas für die Insekten tun: „Blumen pflanzen, die bis in den Herbst hinein blühen wie Lavendel oder Fette Henne“, rät die Bienenfreundin. Bäume wie Linde, Kastanie oder Samthaarige Stinkesche, eher als Bienenbaum bekannt, seien ergiebige Nahrungsquellen für Insekten.

Ginge es nach der Imkerin, könnte die Stadt entlang der Landstraßen Hecken oder kleine Sträucher anlegen: „Wahrscheinlich ist das viel zu aufwendig“, vermutet Klemens. Die hohen Temperaturen und Trockenheit in diesem Sommer setzen den Honigbienen zu. Gegen den Flüssigkeitsmangel bei den fleißigen Sammlern hat Klemens auch einen Tipp: „Ein Gefäß mit Wasser in den Garten stellen und Murmeln, kleine Äste oder Stroh hineinlegen, damit die Bienen nicht ertrinken.“

Zu Beginn habe Klemens mit Stereotypen und vorherrschenden Rollenbildern aufräumen müssen: „Das ist Männerarbeit. Eine Frauenquote brauchen wir nicht“, hörte sie von Imkerkollegen. Der Geburtstag eines befreundeten Imkers sei die Initialzündung zum ersten Bienenvolk gewesen. Nach der Feier habe ihr Freund nur gefragt: „Holz oder Styropor?“ – gemeint sei der Bienenkasten gewesen, in dem Rahmen eingehängt werden und die Bienen aus ihrem eigenen Wachs Waben bauen. Dort legen sie Honig und Eier ab.

Kurze Zeit später habe sie ihr erstes Volk erhalten und sei von einem Imkerpaten vom Tönisvorster Imkerverein unterstützt worden. „Ich habe Bücher gelesen und an Fortbildungen in Duisburg teilgenommen“, so Klemens. Der Kreisimkerverband Krefeld-Viersen bietet vergleichbare Weiterbildungsmöglichkeiten an.

Der Weg zur Imkerin vorbei an Vorurteilen und Klischees

„Imkern ist nicht einfach, zeitaufwendig und teuer“, fasst Klemens zusammen. Aktuell investiere sie pro Volk eine halbe Stunde Arbeit in der Woche. Die Bienen halte sie nicht wegen des Ertrags: „Für ein halbes Kilo Honig bekomme ich ungefähr 5,50 Euro“, rechnet die Imkerin. Hinzukommen würden Ausgaben für chemische Mittel wie Ameisensäure, um die Bienen vor Milbenbefall zu schützen. Der Ertrag decke daher kaum die Ausgaben. Für Klemens ist es reines Hobby aus Liebe zu den Insekten.

Blühflächen kostet
Landwirte viel Geld

„Ich bin für Umweltschutz und kümmere mich um Insekten, aber ich muss von meiner Landwirtschaft leben können“, sagt der Krefelder Jan Schmitz. Seit ein paar Jahren arbeite er mit der Willicher Imkerin zusammen. „Auf unseren abgeernteten Anbauflächen für Tannenbäume säe ich im Sommer sogenannte Bienenmischungen aus“, erklärt der Landwirt. Auch auf anderen Anbauflächen sei immer wieder „eine Ecke oder Randstreifen frei“, wo Blumen ungestört blühen könnten. „Die Zeiten, in denen Bienen nicht viel Nahrung finden, können so überbrückt werden“, führt Schmitz aus.

Neben den Vorteilen für Insekten würden Blühflächen für einen gesünderen Ackerboden sorgen. „Ziel sollte es sein, mehr Blühmischungen zwischen Kartoffel und Zuckerrübe auszusäen“, findet der junge Landwirt. Bei der Schädlingsbekämpfung werde ebenfalls Rücksicht auf Bienen genommen: „Wir verwenden nur bienenschonende Mittel und achten auf deren Flugverkehr“, erläutert Schmitz. Der Einsatz für die Bienen koste viel Geld: „Saatgut für Blühflächen, spezielle Insektizide - und Teile der Anbauflächen fallen weg“, diese Faktoren würden den Ertrag schmälern. Eine nachhaltige Landwirtschaft sei ihm das wert und als Dank gebe es das ein oder andere Glas Honig von den Imkern.

„Die Honigbiene bestäubt rund 80 Prozent unserer Nutz- und Wildpflanzen. Um ein Kilo Honig zu erzeugen, müssen Bienen bis zu zehn Millionen Blüten anfliegen. Sie sind aus unserer Nahrungsmittelproduktion nicht mehr wegzudenken“, gibt Klemens zum Abschluss des Gesprächs zu bedenken.

Weitere Informationen auf den Seiten des Imkervereins und des Kreisverbandes;

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