Willich: Bremsen macht der Laster selbst

Willich : Bremsen macht der Laster selbst

Die WZ hat mit dem Schiefbahner Spediteur Peter Meyer eine kleine Test-Tour im Lkw-Zug gemacht.

Schiefbahn. Die Fahrerin des Kleinwagens hat es offenbar eilig: Blitzschnell zieht sie rechts an dem Lkw, mit dem sich Peter Meyer auf der Linksabbiegespur in Richtung Autobahn eingeordnet hat, vorbei. Und ebenso blitzschnell schlüpft sie in die Lücke, die er am Steuer der 460 PS starken Zugmaschine zum Vordermann gelassen hat. Der 67-Jährige bleibt gelassen: „Kein Problem. Das ist der ganz normale Wahnsinn auf deutschen Straßen.“

Der Senior-Chef der Firma Meyer logistics ist heute selbst die drei steilen Stufen zum Führerhaus hinauf geklettert, um den Zeitungsreporter hautnah miterleben zu lassen, was ein Lkw-Fahrer bei seiner täglichen Arbeit leisten muss. Schon die Fahrt vom Sitz des Unternehmens im Gewerbegebiet Am Nordkanal in Richtung Autobahn treibt dem unkundigen Beifahrer den Schweiß auf die Stirn: Ein anderer Lkw nähert sich im Gegenverkehr — und die Straße scheint immer schmaler zu werden. Doch der Mann am Steuer weiß genau: 2,55 Meter breit, vier Meter hoch und 16,50 Meter lang ist sein Sattelzug, bequem kommt er damit an dem Kollegen vorbei. Die abknickende Vorfahrt am Ende der Linsellesstraße bereitet da schon größere Probleme: „Die ist sehr eng, da muss man auf den Gegenverkehr aufpassen.“

Dann geht’s auf die Autobahn 52 in Richtung Roermond. Auf der Abbiegespur brummt ein Warnsignal durch die Kabine. „Das passiert, wenn ich über die weiße Begrenzungslinie fahre“, erläutert Meyer. Ganz vermeiden lasse sich das aber nicht.

Das brandneue Fahrzeug der Marke DAF hat viele solcher technischen Hilfsmittel. Die reichen vom Tempomat über Abstandsradar und die Freisprecheinrichtung bis hin zu Stand-Klimaanlage und -Heizung. Auch ein Kühlschrank ist vorhanden — schließlich verpflegen sich die Fahrer auf ihren Touren meist an Bord. Selbst CB-Funk ist noch eingebaut. „Das ist für viele unserer Fahrer ein Hobby“, weiß der Chef.

Peter Meyer hat den Tempomaten eingestellt und rollt ganz ruhig in Richtung Autobahnkreuz Neersen. Erlaubt sind 80 km/h — was Fahrer, die sich gerne ein „Elefantenrennen“ liefern, offenbar nicht wissen. „Wer immer mit Tempo 90 fährt, ist am Ende auch nicht schneller, muss aber laufend überholen und verbraucht dabei viel Kraftstoff“, sagt Meyer dazu. In seinem Unternehmen gebe es Prämien für die Fahrer, die besonders ökonomisch unterwegs sind. Über das eingebaute Telematik-System könne dies exakt festgehalten werden.

Die Fahrt geht weiter über die A 44 in Richtung Düsseldorf. In Höhe der Auffahrt Münchheide fädelt sich ein anderer Lkw in den fließenden Verkehr ein — und das Fahrzeug von Peter Meyer wird langsamer. „Ich bremse nicht. Das macht der Wagen selbst“, erläutert der 67-Jährige.

Wir passieren den Rastplatz Hoxhöfe. „Abends findet man hier kaum einen Platz“, berichtet Meyer. Vom Straßenlärm werde man durch die hohe Wand gut abgeschirmt. Nach viereinhalb Stunden müssen die Lkw-Fahrer eine Pause von 45 Minuten machen, dann dürfen sie wieder viereinhalb Stunden fahren. Was passiert, wenn keine Lücke mehr frei ist? „Dann muss ich den nächsten Rastplatz ansteuern“, berichtet der Logistik-Unternehmer. Im Umkreis von Willich gebe es genügend Alternativen. Ganz anders sehe es etwa auf der A 1 durch Eifel aus, wo man gezwungen sei, noch viele weitere Kilometer zu fahren. Der Fahrer müsse den Grund dafür unbedingt dokumentieren, denn sonst könne es Ärger wegen Verstößen gegen das Arbeitszeitrecht geben — was bei Meyer schon passiert ist.

Viele ausländische Fahrer verbringen auf den deutschen Autobahn-Rastplätzen in Grenznähe ganze Wochenenden — und parken zur Not auch am Rande der Auf- oder Abfahrt. „Dadurch kommt es immer wieder zu schweren Unfällen“, berichtet Peter Meyer und schüttelt den Kopf.

Die kleine Test-Tour führt mittlerweile über die A 57 am Rastplatz Geismühle vorbei. An der Abfahrt Oppum geht es runter auf die Untergath und von dort aus in Richtung Forstwald. Im Abstand von wenigen hundert Metern stehen wir vor einer roten Ampel. „Maut sparen durch solche Schleichfahrten durch den Ort? Ammenmärchen!“, brummt Meyer.

Über die A 44 und die A 52 geht es zurück nach Schiefbahn. Leichter Regen hat eingesetzt, doch die drei Scheibenwischer sorgen für klare Sicht. In kurzen Abständen sehen wir Meyer-Lkw — und der Chef grinst zufrieden: „Wie bestellt“, sagt er und steuert den 40-Tonner zurück aufs Betriebsgelände.

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