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Auffällige Jugendliche: Zu oft sich selbst überlassen

Auffällige Jugendliche: Zu oft sich selbst überlassen

Bei Jeanette Engels erleben auffällige Jungen und Mädchen Miteinander und feste Strukturen.

Tönisvorst. Sie wollen nicht mehr essen. Ritzen sich. Oder verweigern die Schule: Immer mehr Mädchen und Jungen zeigen Auffälligkeiten. „Es gibt einen Grund, warum Kinder sich so verhalten. Es ist an uns Helfern, zu verstehen warum“, sagt Jeanette Engels, Diplom-Sozialpädagogin vom Sozialdienst katholischer Frauen. Im Auftrag des Kreisjugendamtes bietet sie soziale Gruppenarbeit für auffällige Kinder.

„Das Kinder- und Jugendhilfegesetz stellt den ,klassischen Erziehungshilfen’ — also der Unterbringung in einem Heim oder einer Pflegefamilie — gleichrangig ambulante Hilfe zur Seite. Eine dieser ambulanten Hilfen bin ich“, sagt die 48-Jährige lächelnd.

Seit 1994 ist sie fest im städtischen Jugendfreizeitzentrum beheimatet. Durch sie können die Kinder ein „Miteinander umgehen“ erfahren. Wie es ist, in Gemeinschaft zu leben und dabei sowohl Regeln als auch eigene Stärken und Schwächen zu erfahren und anzunehmen.

Dieses Miteinander kann man im Jugendfreizeitzentrum in vielen verschiedenen Facetten erlebbar machen, sagt sie. „Sei es durch den Garten, den Filmraum, die große Disco, das Bistro unten, den nahen Sportplatz oder schlichtweg die Küche“, so Engels.

Sie gibt ein praktisches Beispiel: „Wir backen. Drei Kinder müssen eine Pizza gemeinsam belegen, die sie nachher auch essen.“ Essen spiele ohnehin eine große Rolle. „Schon beim Belegen der Pizza müssen die Kinder Grenzen erkennen und respektieren. Über dieses Miteinander lernen sie ungeheuer viel für ihren realen Alltag.“

Kinder würden heutzutage zu oft sich selbst überlassen — ob aus Antriebslosigkeit der Eltern oder Zeitmangel, weil man viel arbeite, um das Haus abzahlen zu können. „Jedes Kind will ein gutes, harmonisches Leben führen. Sie haben einfach einen schlechten Stand, wenn sie sich selbst überlassen und nicht erzogen werden“, so ihre Einschätzung.

Und so gibt sie feste Strukturen bei ihren Treffen mit den Kindern vor: „Es gibt immer eine feste Begrüßungsrunde und auch feste Verabschiedungsrunde.“

Nach der Begrüßungsrunde steht Bewegung an. „Kinder bewegen sich heutzutage viel zu wenig.“ Und ein vielfach diagnostiziertes ADHS — also „Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom“ wäre vielfach keiner.

Nach der Bewegungsphase schaut man sich gezielt und gemeinsam den persönlichen Lebensraum der Kinder an: „Da geht es unter anderem um Fragen wie: Was kann ich? Was will ich noch erlernen? — also um einen lösungsorientierten Ansatz. Dann folgt eine Pause — bei der der volle Kühlschrank geplündert werden darf. Zum Schluss gibt es eine Reflexionsrunde, bei der die Kinder ihre Wünsche für die kommende Zeit äußern dürfen.

„Wenn Kinder einen Grundstock an Geborgenheit und liebevoller Konsequenz erfahren, dann können sie vieles wegstecken“, so Engels.