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Willich: Auch Hauptschüler sind wieder gefragt

Willich : Auch Hauptschüler sind wieder gefragt

Beim Berufsinfotag in der Schuman-Schule präsentierten sich mehr als 70 Aussteller.

Willich/Kreis Viersen. Die Robert-Schuman-Europaschule war gestern ein Mekka für Jugendliche, die sich dafür interessieren, wie es nach der Schulzeit weitergehen könnte. Gemeinsam mit der Wirtschaftsförderung der Stadt Willich war ein umfassendes Angebot organisiert worden. Dass es den Arbeitgebern zunehmend schwerfällt, Lehrstellen zu besetzen, ist nicht ohne Folgen geblieben: Die Ansprüche sind gesunken, ein einfacher Hauptschulabschluss reicht, wo noch vor wenigen Jahren mindestens ein Fachoberschulabschluss gefordert wurde. Besonders schwer hat es das Handwerk, an geeignete Azubis zu kommen.

Dachdeckermeister Roland Samanns aus Neersen hat aus seinen Fehlern gelernt: Wer in dem orangefarbenen Korb von einem Kranwagen nach oben gehievt werden wollte, musste zunächst aus einer Schieferplatte ein Herz herstellen. „Ich suche dringend Auszubildende“, sagte Samanns — Hauptschulabschluss reiche.

Gleich nebenan wurde ebenfalls gehämmert: Sascha Kleiner vom Baubetriebshof ließ die Jugendlichen unter fachkundiger Anleitung einen Mustergarten anlegen, in einem Pavillon wurden Vogelhäuser gebaut.

Peter Fischer, Jürgen Rehse und Jürgen Paland waren früher in leitenden Positionen beschäftigt und engagieren sich jetzt in der Lokale-Agenda-Gruppe „Jugend und Wirtschaft“. Sie proben mit Schulabgängern Bewerbungsgespräche und korrigieren Bewerbungsunterlagen, bevor sie versendet werden. „Von zehn Bewerbungsmappen ist im Schnitt eine ohne Beanstandungen“, erklärte Fischer.

Die Anbieter von Lehrstellen fuhren schwere Geschütze auf: Da war Roland Samanns mit seinem Kran, Meyer Logistics aus Schiefbahn hatte einen 40-Tonner auf den Schulhof gefahren. Patrick Splinter berichtete von seinen Erfahrungen als Kraftfahrer — er ist im dritten Lehrjahr. „Ich kündige, wechsele zur Kirmes“, scherzte Patrick Schneider (20), der sich zum Speditionskaufmann ausbilden lässt. Der Grund: Wie auf dem Rummel bot er Popcorn an — eine Tüte davon bekamen aber nur Jugendliche, die sich in dem Truck den Film über Berufe in der Logistik-Branche anschauten.

„Im Schloss wohnen und studieren“, lautete der Slogan am Stand der Finanzverwaltung. Stephanie Knops vom Finanzamt Viersen warb unter anderem für ein Duales Studium, die Landesfinanzschule samt Wohngelegenheiten ist in einem Schloss untergebracht.

Holger Puchalla hatte es nicht leicht. Er ist Angestellter der „Medicoreha“, die junge Leute zum Ergo- und Physiotherapeuten ausbildet. Der „Pferdefuß“: Die Azubis müssen 450 Euro im Monat für ihre Ausbildung bezahlen.

Mit frischen Äpfeln lockte Arne Zöllner junge Leute an seinen Stand. Der Willicher Zahnarzt sucht junge Frauen, die Zahnmedizinische Fachangestellte werden wollen: „Hauptschule reicht, aber sie müssen nett und freundlich sein.“

Nett sein steht nicht im Anforderungsprofil der Bundeswehr. Da geht es um ganz andere Dinge, um die Bereitschaft, an Auslandseinsätzen teilzunehmen beispielsweise. Bernd Schliewinski vom Bundeswehr-Karrierecenter Düsseldorf registrierte „reges Interesse“: „Wichtig ist, in den Köpfen zu verankern, dass es den Arbeitgeber Bundeswehr gibt.“

Groß war das Interesse an Informationen über mögliche Studiengänge. Katja Wohlfeil von der Uni Düsseldorf zog folgende Bilanz: „Das Interesse an einem Medizinstudium ist ungebrochen groß.“ Ihr exotischstes Angebot: der Studiengang „Modernes Japan“.