Der vergessene Wiederaufbau Willicherin hilft seit Monaten im Ahrtal

Willich · Auch Monate nach der Flutkatastrophe hilft Anna Hammer Opfern im Ahrtal. Was sie mit Sorge sieht: Die immer noch große Not der Menschen gerät langsam aus dem Blick der Öffentlichkeit.

 Anna Hammer (rechts) mit weiteren Helfern: Das Motto heißt, niemals aufhören zu helfen.

Anna Hammer (rechts) mit weiteren Helfern: Das Motto heißt, niemals aufhören zu helfen.

Foto: Anna Hammer

„Ich kann doch nicht nichts tun“, sagt Anna Hammer aus Willich. Und ergänzt: „Das war eine totale Ausnahmesituation. Da kann ich nicht so weitermachen wie bisher.“ Keine zwei Tage nach den Regenfluten im Juli 2021, die in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz für verheerende Zustände sorgten, wurde die Inhaberin der Garten- und Landschaftsbaufirma Aladin aus Willich aktiv. Und sie ist es bis heute, sieben Monate danach, geblieben.

Am Wochenende nach dem Hochwasser vom 14. Juli fuhren sie, ihr Partner und ein befreundetes Ehepaar in die Südeifel und sahen, was der Regen in dem kleinen Ort Irrel angerichtet hatte: Der an der Prüm liegende Campingplatz, auf dem auch viele feststehende, dauerhaft genutzte Wohnmobile stehen, war vollkommen verwüstet. „Das sah aus wie ein Kriegsschauplatz“, beschreibt es Hammer. „Es war unvorstellbar: Die Menschen hatten nichts mehr, was nicht Schrott war.“ Anna Hammer und ihr Partner halfen, wo sie konnten, räumten auf, retteten, was zu retten war und die Betroffenen weinten, nur weil ihnen Hilfe angeboten wurde.

Auch andere Menschen und Organisationen waren vor Ort. Aber Anna Hammer stellte fest: „Das war alles furchtbar unorganisiert, die schoben einfach nur die Haufen von rechts nach links.“ Wieder zu Hause, kam sie ins Grübeln darüber, wie sie sich am besten einbringen könnte. Und wenn sie was kann, so sagt die vor Energie strotzende Frau lachend, dann ist es das Organisieren.

Schließlich richtet sie regelmäßig im Rahmen ihrer Arbeit Gartenbaustellen ein, hat Kontakt zu zahlreichen Unternehmern und Gewerken, verfügt über ein großes Netzwerk. Und das half ihr, sich für die Flutopfer einzusetzen.

Schon am Samstag, 17. Juli, als sie sich auf den Weg in die Eifel machte, postete sie auf ihrer Facebookseite einen Aufruf: „Wer braucht Hilfe beim Aufräumen nach dem Hochwasser? Jede Menge Gartenbaufirmen stehen mit viel Equipment in den Startlöchern, um euch zu helfen. Bitte, wenn möglich mit Kontaktperson vor Ort, hier Anfragen einstellen.“

Über Facebook und Whatsapp organisierte die 41-Jährige fortan die Hilfe. Sie half dabei, schweres Gerät zu beschaffen, mit dem Schlamm und Schutt weggeräumt werden konnte, sie half dabei, Kanalbauer, Elektriker, Fachleute und Laien auf den Weg in die betroffenen Gebiete zu schicken. „Ich habe erst dann Leute dorthin geschickt, wenn ich vor Ort konkrete Ansprechpartner hatte“, erklärt Hammer. Aber sie vermittelte auch Unterkünfte und Essen für die Helfer oder Seelsorger für die Menschen, die am Limit waren. Ihr Telefon meldete sich in den ersten Wochen ihrer Hilfe mehrere Hunderte Male am Tag. In dem heillosen Chaos, wie sie es beschreibt, versuchte sie den Überblick zu behalten – und gleichzeitig ihren Betrieb zu leiten. Beides gelang. Viel geschlafen wurde in diesen Monaten nicht. „Kurz vor Weihnachten musste ich die Reißleine ziehen.“ Denn irgendwann geht auch der Energiegeladensten die Puste ein wenig aus. Das Feedback der Betroffenen motivierte sie trotz allem, weiter zu machen. „Ich bin noch nie so oft so dankbar in den Arm genommen worden wie in den letzten Monaten“, stellt Hammer fest.

Anna Hammer frustriert, dass die unzähligen privaten Hilfsaktionen, all die ehrenamtlich Tätigen, die Unterstützer mit den kleinen und großen Projekten, mit denen die Menschen in den Überflutungsgebieten gestärkt wurden, in den Medien so wenig Beachtung fanden. Dass überhaupt die Flut und ihre Folgen recht bald aus der Berichterstattung und damit fast aus dem Bewusstsein der (nicht betroffenen) Menschen verschwanden. Daher wird Anna Hammer nicht müde, immer wieder von ihnen zu erzählen.

Zum Beispiel vom Inhaber der Fox-Backstube aus Krefeld, der gebrauchte Backstraßen und weitere Ausstattungen für die zerstörten Bäckereien in den Überflutungsgebieten kaufte und sie in einer Halle in Tönisvorst zwischenlagerte, bis sie dann von einem Kunden von Anna Hammer, der Krefelder Spedition Bönders, ins Ahrtal geschafft wurden. Oder von dem Elektriker, der jedes Wochenende mit seiner Frau mit ihrem Wohnmobil ins Ahrtal fährt und dort vor Ort Elektroinstallationen macht. Anna Hammer steckt voller solcher Geschichten, die sie erzählen könnte.

Sie sorgt aber auch dafür, dass die betroffenen Familien, Hausbesitzer, die alten und jungen Menschen in der Eifel, im Ahrtal und überall dort, wo der Regen gewütet hat, nicht vergessen werden. Und sie fordert auf, weiter zu helfen. Der Innenausbau der wieder aufgebauten Häuser ruft nach Verputzern und anderen Fachkräften, Brennholz wird gebraucht, und für das nahende Frühjahr beispielsweise wären Baum- und Pflanzenspenden eine großartige Sache, sagt sie. Und natürlich helfende Hände, die „das Grünzeug“ in die Erde bringen.

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