Albert Hashimi aus Kosovo: Seinen Start haben gute Seelen begleitet

Albert Hashimi aus Kosovo: Seinen Start haben gute Seelen begleitet

Albert Hashimi ist im Kosovo geboren. Seit 1993 lebt er in Deutschland.

St. Tönis. Albert Hashimi war 13 Jahre alt, als er 1993 seine Geburtsstadt Pristina verlassen musste. Allein, von heute auf morgen. Seine Eltern und seine Schwestern blieben im Kosovo. Sie sorgten sich nach Drohungen von Serben um die Sicherheit des Jüngsten.

Albert sollte nach Deutschland zu seinen älteren Brüdern Enver und Fadil, die in Neuenstein/Baden-Württemberg und in Krefeld lebten und dort als Maurer arbeiteten. Die Flucht, nachts zu Fuß über die Grenze, habe er damals, sagt Hashimi, wie ein Abenteuer empfunden.

Wenn Dr. Albert Hashimi heute, mehr als 20 Jahre später, davon erzählt, wirkt es, als sei alles in einem anderen Leben passiert. Er und seine Brüder wohnen gemeinsam mit ihren Familien unter einem Dach in St. Tönis und führen von der Oberbenrader Straße aus ihre eigene Firma. Sie sind mit dem Bauunternehmen E-Bau International auf Expansionskurs.

Die Erfahrungen, die Albert Hashimi in den 90er Jahren, in denen er sein Zuhause hinter sich lassen und in Deutschland, der neuen Heimat, Fuß fassen musste, wirken bis heute nach. „Ich habe zunächst vier Monate lang allein in einem Asylbewerberheim gelebt. Das Heimweh war groß.“

Es habe ihm geholfen, dass er „sehr reif“ für sein Alter gewesen sei. „Von meinem zehnten Lebensjahr an habe ich gearbeitet, habe in Pristina nach der Schule auf einem Basar Obst und Gemüse verkauft.“ Sein Selbstbewusstsein habe ihm sein Vater gegeben. „Er hat uns immer unterstützt, uns aber auch die Freiheit gelassen.“

Als Albert endlich zu seinem Bruder Enver nach Neuenstein ziehen durfte, nahm das neue Leben an Fahrt auf. „Die Eltern seiner Freundin haben mir die deutsche Sprache beigebracht, jeden Tag mit mir gearbeitet. Familie De Vito verdanke ich viel.“

Auch seine Klassenlehrerin, „Frau Liebscher“, wurde in dieser Zeit eine Stütze und ist eine Vertraute bis heute. „Wir telefonieren jeden Sonntag miteinander“, sagt Hashimi. Sie habe ihm eine Chance gegeben, ihn in ihre Klasse aufgenommen.

„Frau Liebscher hat mich am ersten Tag vorgestellt: Das ist Albert. Er ist vor dem Krieg geflüchtet. Das ist jemand, der Wärme und Freunde braucht.“ Der Jugendliche dankte es ihr mit guten Schulleistungen.

„Ich habe mir immer Ziele gesetzt. Seit meiner Kindheit. Ich bin ehrgeizig. Mit Zielen ist es einfacher.“ Nach dem Hauptschulabschluss machte Albert in Neuenstein eine Ausbildung zum Maler und Lackierer, konnte aber nach der Lehre wegen einer Allergie nicht in dem Beruf weiterarbeiten.

„Damals habe ich regelmäßig meinen Bruder Fadil in Krefeld besucht.“ Albert liebte das Großstadtleben, „ich wurde erwachsen. Ich wollte mehr als wandern, Fußball spielen.“ Er ließ wieder alles hinter sich, Freunde, gewohnte Umgebung und zog zum Bruder nach Krefeld. 1998 holten sie auch Enver an den Niederrhein. „Wir lebten wieder unter einem Dach.“ Die Drei betrieben zunächst einen Imbiss. Erfolgreich. „Damals dachte ich, das Leben ist perfekt.“ Albert Hashimi machte parallel sein Abitur. Sie konnten regelmäßig Geld nach Hause an die Eltern schicken.

„Dann kam der Krieg. Die Sorge um die Eltern und Schwestern, von denen man zwei Wochen lang nichts hörte. „Eine Schwester und mein Vater flohen nach Mazedonien, wo er 1999 gestorben ist. Meine Mutter kam nach Norwegen, meine andere Schwester flüchtete nach Chicago.“

Sein Vater habe ihm die „Rezeptur für den Erfolg“ mitgegeben, sagt Hashimi: „Lerne die Sprache, die Mentalität und die Kultur kennen, hat er gesagt. Zu Hause kannst zu wie ein hundertprozentiger Kosovare sein, aber lebe wie ein Deutscher.“

Die drei Brüder seien immer enger zusammengerückt. Es folgte der Entschluss, es gemeinsam in der Baubranche zu Erfolg zu bringen. „Wir hatten damals drei Eimer, eine Wasserwaage und eine Bohrmaschine.“ Und eine Devise: „Qualität, Zuverlässigkeit und Disziplin.“ Ein Garagenbau war der erste Auftrag. Kleinere Sanierungsarbeiten folgten. Schließlich der erste Bau eines Einfamilienhauses als Subunternehmer.

Zwischen 2007 und 2012 studierte und promovierte Hashimi, mittlerweile der Mann für die Finanzen bei E-Bau, an der Universität Pristina. In dieser Zeit lernte er seine Frau Marigona kennen. Mit ihr, Sohn Bernard (4) und Tochter Dilara (2), lebt er in St. Tönis.

Als er von Pristina nach Deutschland zurückgekehrt sei, sei das ein Gefühl von „wieder nach Hause kommen“ gewesen. In Deutschland sei er aufgewachsen, „hier habe ich meine erste Liebe erlebt, hier hat man mir die Tür für die Zukunft aufgemacht, als es damals kein Licht für mich gab“.

Vom eigenen Erfolg wollen die Hashimis zurückgeben. Sie unterstützen krebskranke Kinder in Krefeld und Pristina, seit Albert, gerade Vater geworden, auf der Station einen krebskranken Jungen beobachtet hat.

Seine Kinder erleben täglich den Zusammenhalt der großen Hashimi-Familie. „Wir essen täglich gemeinsam. Das ist uns wichtig.“ Urlaub hat Albert Hashimi seit fünf Jahren nicht gehabt. „Wenn wir eine Auszeit brauchen, fahren meine Brüder und ich zum Angeln.“ Nach Skandinavien spürt der Motorradfahrer eine Sehnsucht. Und nach Schottland. Das sind Fernziele, die er sich noch setzen muss.

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