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Die WZ öffnet Türen: Alarmfahrt: Gänsehaut und Stress im Feuerwehr-Rüstwagen

Die WZ öffnet Türen : Alarmfahrt: Gänsehaut und Stress im Feuerwehr-Rüstwagen

Rolf Peschken, Leiter der Freiwilligen Feuerwehr Tönisvorst, öffnet für die WZ heute Fahrer- und Beifahrertür des Rüstwagens.

St. Tönis. 290 PS ziehen an. In 13 Sekunden von Null auf 60. Der rote Rüstwagen ist Kraft und Wucht, Ausstattung und Technik für 448 000 Euro. Seit 2016 hat er im Gerätehaus an der Mühlenstraße in St. Tönis seinen festen Platz. Jetzt fährt er quasi im Ruhemodus über den Ostring Richtung Vorst. Kein Einsatz treibt uns an. Trotzdem geht mein Puls schneller.

Die WZ öffnet Türen: Alarmfahrt: Gänsehaut und Stress im Feuerwehr-Rüstwagen
Foto: Kurt Lübke

Die Felder und Wiesen zur Rechten und zur Linken, die ich schon x-mal aus dem eigenen Auto heraus gesehen haben, liegen vor mir, nein, unter mir wie noch nie. Die Sicht vom Cockpit aus in die Weite — gefühlt drei Meter über der Asphaltdecke und Gott sei Dank aus Beifahrer-Perspektive — ist beeindruckend.

Die WZ öffnet Türen: Alarmfahrt: Gänsehaut und Stress im Feuerwehr-Rüstwagen
Foto: Jörg Knappe

Adventsserie: Die WZ öffnet Türen

Gerd Zander sitzt am Steuer, Feuerwehrchef Rolf Peschken hat auf der Sitzbank hinter uns Platz genommen. Beide sind heute die Türöffner der WZ. Einmal im Stand, ohne Schlüssel im Schloss, am Steuer dieses beeindruckenden und unersetzlichen Fahrzeugs des Löschzugs St. Tönis zu sitzen — nicht nur diesem Wunsch kommen beide nach.

Sie erklären Sinn und Zweck eines jeden Schalters, jeden Displays, jeden Ausrüstungsgegenstandes, von denen es allein vor, neben und hinter den Sitzen im Führerhaus des Fahrzeugs jede Menge gibt. Dann schlagen sie vor, den Wagen einmal in Alarmbereitschaft zu erleben, wie auf einer richtigen Fahrt zu einem ernsten Einsatz, mit eingeschalteter Pressluft-Fanfare und Bull-Horn.

Wir müssen schon unsere Stimmen gegen das Motorengeräusch antreten lassen, ein paar Dezibel drauflegen, als der 15 Tonnen schwere Wagen ohne weitere akustische und optische Signale den Hof des Gerätehauses verlässt. Wir fahren über den Südring. Die Pkw vor uns und auf der Gegenfahrbahn sind geschrumpft. Nur den Lkw-Fahrern, die auf dem Südring und an der Kreuzung zu Real zuhauf unterwegs sind, begegnen wir auf Augenhöhe.

Der Rüstwagen des St. Töniser Löschzugs ist 2,50 Meter breit. Ohne Spiegel gerechnet, genauer gesagt die doppelten Seitenspiegel. Sie ragen zu beiden Seiten noch einmal um fast eine Lineal-Länge — jeweils 25 Zentimeter — heraus.

Rolf Peschken Tönisvorster Wehrführer

Der Südring scheint dem bulligen Fahrzeug genug Platz zu bieten. Doch wenn im Ernstfall schnelles Vorankommen notwendig ist, kann auch hier falsches Verhalten von allzu zaghaften Autofahrern zu erheblichen Behinderungen führen. Wenn beispielsweise auf der rechten Fahrbahn angehalten wird, aber der Grünstreifen kein weiteres Platzmachen ermöglicht, dazu Gegenverkehr kein Überholen zulässt — dann könnte Fahrer Zander das Tempo nicht halten.

„Für unsere Fahrer sind das absolute Stress-Situationen“, sagt Rolf Peschken. Selbst erfahrene Kameraden müssten auf neu angeschafften Fahrzeugen mindestens fünf Pflichtstunden absolvieren, ehe diese Wagen in die Einsätze gehen.

Der Maschinist muss sich im Notfall voll auf den Verkehr konzentrieren. Die Einsatzadresse muss er im Kopf haben, falls die Digitalanzeige einmal ausfällt. Wo sind Baustellen, wie sehen die Straßen aus, wo sind die hohen, wo die niedrigen Hausnummern?

Wir biegen in die Düsseldorfer Straße Richtung Anrath, dann aber bei der ersten Möglichkeit auch gleich wieder links in die Viersener Straße ein. Zwei Spaziergänger mit Hund passieren wir noch ohne Alarm, dann wird für einige Sekunden die Fahrt zu einem fiktiven Unglücksort simuliert, die Situation, in der jede Sekunde, die man früher am Einsatzort ist, lebensrettend sein kann.

Die Pressluft-Fanfare, allgemein als Martinshorn, das Tatütata der Feuerwehr, bekannt, fährt mir in den Magen, erfüllt die Fahrerkabine und lässt von jetzt auf gleich mein Herz schneller schlagen. Die Ernsthaftigkeit des Einsatzes wird mit allen Sinnen greifbar, die Konzentration auf das, was in realen Situationen anstehen könnte, wird gnadenlos eingefordert.

Das Bull-Horn, das Zander immer zusätzlich einschaltet, wenn Autofahrer im Erstfall nicht schnell genug reagieren, weil sie vielleicht zu laut Musik hören, legt sich drei, vier Mal dröhnend über die ohnehin schon beeindruckende DauerAlarm-Schleife. „Das sind immer Gänsehaut-Momente“, ruft Peschken von hinteren Sitz nach vorne.

Ich empfinde Stress, während Maschinist Zander hochkonzentriert den 290 PS-starken Untersatz weiter über die Viersener Straße fährt.

Kurz darauf schaltet er die Fanfare ab und reiht sich am Ring wieder in den ruhig dahinfließenden Verkehr ein. Nur mein Puls ist noch stummer, aber pochender Zeuge, wie viel mehr Wucht, Technik und Tempo im Ernstfall in diesem VIE TV 218 steckt.