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Feuerwehr-Serie: Alarm: Ein Retter läuft gegen die Zeit

Feuerwehr-Serie : Alarm: Ein Retter läuft gegen die Zeit

Ertönt der Piepser, muss ein Feuerwehrmann alles stehen und liegen lassen, um in acht Minuten am Unglücksort zu sein.

Vorst. In acht Minuten steht ein wachsweiches Ei auf dem Frühstückstisch. Ein Weltklasseläufer schafft 3000 Meter in knapp unter acht Minuten. Acht Minuten sind auch für Stephan Kottal Ziel und Orientierung. Kottal ist Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr Tönisvorst, Löschzug Vorst. Zwischen seiner Alarmierung und seinem Eintreffen am Unglücksort dürfen nicht mehr als acht Minuten verstreichen. Was Stephan Kottal in dieser Zeitspanne schaffen muss, lesen Sie hier. Na klar — in unter acht Minuten,

Stephan Kottal (32) stellt für die WZ eine Alarmierung nach. Es ist 10 Uhr am Vormittag. Er sitzt an seinem Schreibtisch in einem Büro der Vorster Firma Arca Regler und schaut auf zwei Monitore gleichzeitig. Der Maschinenbautechniker arbeitet für einen Kunden an Konstruktionszeichnungen. Da piept es. Kottal erhebt sich von seinem Bürostuhl. Er tut es deutlich schneller, als wenn er lediglich zum nächsten Schreibtisch gehen wollte, um etwas mit einem Kollegen besprechen.

Dann verlässt er zügigen Schrittes das Großraumbüro in Richtung Treppenhaus. Keine Zeit für lange Erklärungen. Kottals Kollegen wissen sowieso Bescheid. Wenn sein Funkmeldeempfänger angeht, ist keine Zeit mehr zu verlieren. Spätestens in acht Minuten müssen er und seine Feuerwehrkollegen am Brand- oder Unfallort sein.

Kottal nimmt schnell, aber nicht hektisch die Treppenstufen ins Erdgeschoss und stößt die Eingangstür auf. Jetzt ist er draußen. Keine Minute ist seit der Alarmierung vergangen, keine zehn Meter weiter steht sein Rad hochkant am Unterstellplatz. Heute, am Freitag, kommt er leicht dran, kein anderes Rad versperrt den Weg. Nun nur noch das Schloss öffnen, auf den Sattel setzen und in die Pedale treten — der Maschinenbautechniker von eben wird mit jedem Meter weiter Richtung Feuerwache ein Unterbandmeister im Einsatz.

Irgendwo in Vorst oder St. Tönis wird die Hilfe des Löschzugs Vorst benötigt. Kottal und Kollegen, allein fünf weitere sind es beim Unternehmen Arca Regler, strömen aus allen Himmelsrichtungen zur Wache an der Lindenallee. „Ich nehme oft das Rad. Da bin ich schneller als mit dem Auto“, sagt Kottal. Er quert die Kempener Straße, durchradelt den Kreisverkehr bei Rewe, wie es der Verkehr zur jeweiligen Tageszeit hergibt. In nicht einmal drei Minuten ist er an der Wache, stellt sein Rad ab und läuft durch eines der großen Tore in die Halle.

Foto: Steeg, Lübke

Kollegen stellen ihre Autos auf der Lindenallee ab. Langes Kurven für eine Parkplatzsuche ist tabu. Kottals Spind steht gleich am Anfang einer Reihe. Er zieht zuerst die schweren Schuhe heraus. Sie stecken in der heruntergekrempelten Einsatzhose. Kottal schlüpft in die Stiefel und zieht die Latzhose hoch. Sie sitzt binnen Sekunden. Nun noch den Reißverschluss der Jacke und der Stiefel schließen, den Helm greifen und ab in den Einsatzwagen.

Kaum am Steuer, macht Stephan Kottal Sirene und Martinshorn an. Sein Fahrzeug fasst bis zu acht Kollegen. Seine Ortskenntnis ist sein großes Kapital. Er weiß, wo und wie er Baustellen umfahren muss, wie er auf schnellstem Wege zum Einsatzort kommt. Er gehört zu den Feuerwehrleuten, die in einem Jahr am häufigsten an Einsätzen teilnimmt.

Da Kottal in Vorst arbeitet, ist er auch tagsüber erreichbar. Der Alarm kann ihn zu jeder Zeit, in jeder Situation ereilen. „Toilette ist sehr beliebt“, grinst er. Alarm nimmt keine Rücksicht auf Hobbys, Freizeit oder Arbeit. „Familie, Freunde, Kollegen, sie wissen Bescheid“, sagt Kottal, der sich der Unterstützung nicht nur seines Arbeitgebers sicher sein kann. Dass er selbst am Geburtstag seines Vaters — gefühlt nach acht Minuten — das Grillen einem anderen Gast überlassen musste, weil er zum Einsatz gerufen wurde, gehört zum Leben eines Feuerwehrmannes dazu.

Foto: Steeg, Lübke