Action Medeor aus Tönisvorst hilft in der Ukraine Kurz mal Kind sein im Bunker

Tönisvorst · Das Tönisvorster Hilfswerk Action Medeor unterstützt Projekte im umkämpften Süden der Ukraine. Für Kinder gibt es unter anderem ein Spielangebot. Auch die Medikamentenversorgung und die psychosoziale Betreuung spielen eine große Rolle.

Beim Spielenachmittag können die Mädchen und Jungen ein paar unbeschwerte Stunden verbringen.

Beim Spielenachmittag können die Mädchen und Jungen ein paar unbeschwerte Stunden verbringen.

Foto: Action Medeor

Mädchen und Jungen, die spielen, singen, lachen, laut sind und zumindest für einen Kurzen Moment Kind sein dürfen und unbeschwert sein können: „Das sind die Momente, in denen man merkt, wofür wir’s machen“, sagt Markus Bremers, Pressesprecher des Tönisvorster Hilfswerks Action Medeor. Er ist gerade zurück von einem dreitägigen Besuch im Süden der Urkaine, unweit der Frontlinie, wo der Krieg im Alltag der Menschen und der Kampf ums Überleben allgegenwärtig sind und wo Action Medeor mit vier lokalen Partnern verschiedene Projekte organisiert. Bis zu zwei Kilometer nah an der Front arbeiten die Helfer, geraten regelmäßig unter Beschuss. „Aber das Bedürfnis zu helfen ist größer als die Angst, sagen sie“, schildert Bremers.

Neben positiven Erlebnissen wie dem monatlichen Spielenachmittag für die Kleinen gibt es auch viele düstere Erinnerungen an die kurze Reise. Da ist die Familie mit vier Kindern, die in einem Haus lebt, das vor dem Krieg zehn Jahre lang unbewohnt war, in dem es kein Gas und kein Wasser gibt, in dem dank Action Medeor aber nun ein kleiner Ofen zumindest für etwas Wärme sorgt. Fast 500 000 Binnenflüchtlinge leben vor allem in den westlichen Gebieten an der Schwarzmeerküste, die Infrastruktur sei darauf kaum ausgelegt und in weiten Teilen zerstört, sagt Bremers. In den östlichen Gebieten der Region, in der Action Medeor tätig ist, in Cherson beispielsweise, ist die Lage noch dramatischer, doch auch dort leben nach wie vor Menschen. „Viele möchten in ihre Heimat zurück, ältere Menschen haben zum Teil schlicht nicht die Möglichkeit wegzugehen. Doch auch Familien mit Kindern leben dort, täglich gibt es russischen Beschuss.“

Humanitäre Hilfe sei in der Ukraine weiter dringend notwendig und werde es noch viele Jahre sein, selbst wenn der Krieg schnell vorbei sein sollte, sagt der Pressesprecher. „Es ist so viel zerstört worden, nicht nur Infrastruktur, sondern auch Lebensmut.“ Die psychosoziale Betreuung von Menschen gewinne an Bedeutung, psychische Probleme hätten zugenommen. Und eben dazu gehört auch der Spielenachmittag, der bei einem von der Partnerorganisation Farwater betriebenen Mittagstisch-Angebot für Kinder stattfindet. Kinder, die ihren Vater im Krieg verloren haben oder traumatische Fluchterfahrungen gemacht haben, benötigen dringend Hilfe. Eine Mutter habe von ihrem Sohn im Grundschulalter erzählt, der nach dem Kriegsausbruch wieder begonnen habe einzunässen, berichtet Bremers.

Action Medeor wurde gegründet als Medikamentenhilfswerk

 Action-Medeor-Sprecher Markus Bremers in Odessa.

Action-Medeor-Sprecher Markus Bremers in Odessa.

Foto: Action Medeor

Angeboten wird von Farwater in Cherson und Tschernomorsk auch eine Nachmittagsschule, denn regulärer Unterricht findet längst nicht mehr statt. Zwar gibt es Online-Unterricht, doch auch die Kommunikationsinfrastruktur ist immer wieder Ziel russischer Angriffe. „Wenn es unser Angebot nicht gäbe, hätten viele Mädchen und Jungen gar keinen Kontakt zu anderen Kindern“, sagt Bremers. Mittagstisch, Spieleangebot und Unterricht finden in einem Bunker statt, der aus Sicherheitsgründen an einem geheimen Ort ist und von dem es keine Bilder gibt. „So ist bisher Gott sei Dank noch kein Kind zu schaden gekommen, aber der Weg dorthin ist sehr gefährlich“, so Bremers.

Naturgemäß leiden auch Erwachsene unter dem Krieg. So wie ein Rentner, der eine Krebserkrankung hat und auf Medikamente angewiesen ist, die 70 Euro pro Monat kosten. „Er hat aber nur eine Rente von 100 Euro. Wenn wir ihm die Medikamente nicht kostenlos zur Verfügung stellen würden, hätte er nicht genug zu essen“, erläutert Bremers und verweist auf weitere Projekte von Partnerorganisationen, die Action Medeor organisatorisch und finanziell unterstützt.

Intersos kümmert sich um die medizinische Versorgung und psychosoziale Betreuung der Menschen, International Blue Crescent (IBC) hat eine Wärmestube samt Mittagstisch und eine Großbäckerei eingerichtet, „Your City“ betreibt in Odessa eine Sozialapotheke, die Medikamente kostenfrei an Bedürftige (Familien ohne Einkommen, Alleinerziehende, Rentner oder Binnenflüchtlinge beispielsweise) ausgibt. „Far Water“ betreibt zudem eine mobile Apotheke im gesamten Aktionsgebiet zwischen Odessa und Cherson, die auch rund 1000 Menschen in 40 Dörfern mit Medikamenten versorgt. Im Vordergrund stünden dabei vor allem chronische Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes oder Krebserkrankungen, die ohne Medikamente zum Tode führen können, sagt Markus Bremers. Action Medeor und seine Partnerorganisatoren kümmern sich ausschließlich um die Zivilbevölkerung, nicht um verletzte Soldaten. „Das dürften wir gar nicht“, sagt Bremers.

Action Medeor wurde zwar als Medikamentenhilfswerk gegründet, hat inzwischen aber mehrere Säulen, wie beispielsweise die Programmarbeit in der humanitären Hilfe mit lokalen Partnern, die im Aktionsgebiet im Süden der Ukraine eine Rolle spielt. Die Sozialapotheke und die mobile Apotheke kaufen ihre Medikamente im ukrainischen Großhandel, das habe sich eingespielt, sei einfacher und günstiger, sagt Bremers. Medikamentenlieferungen gehen dennoch von Tönisvorst aus regelmäßig in die Ukraine, allerdings an Krankenhäuser im gesamten Land.

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