Viersen: Was bringt das 365-Euro-Jahresticket?

ÖPNV im Kreis Viersen : Kreis diskutiert über das 365-Jahres-Ticket

Es geht um ein Ticket für den öffentlichen Nahverkehr, das einen Euro am Tag kosten soll.

Für einen Euro pro Tag unbegrenzt mit Bus und Bahn fahren – mit dieser Idee sollen im Kreis Viersen mehr Menschen zum Umstieg auf den öffentlichen Nahverkehr motiviert werden. Die Kreis-SPD liebäugelt schon länger mit der Idee des 365-Euro-Tickets, nun erhofft sie sich dafür Unterstützung vom Bund. Die Sozialdemokraten beantragen: Der Kreistag soll die Mitglieder im Verwaltungsrat des Verkehrsverbundes Rhein Ruhr (VRR) beauftragen, aktiv zu werden. „In der Arbeitsgruppe Ländlicher Raum‘ des VRR-Verwaltungsrates müssen wir rasch eine Interessensbekundung des Kreises Viersen als Modellregion in die Diskussion einbringen, damit die Fördermittel des Bundes nicht nur in die Großstädte fließen““, sagt der SPD-Fraktionsvorsitzende Hans Smolenaers. Das Bundesverkehrsministerium will in zehn Modellkommunen ein günstigeres Ticket für den öffentlichen Nahverkehr fördern.

„Täglich verlassen rund 68 000 Berufspendler den Kreis Viersen und mehr als 43 000 Pendler kommen aus den umliegenden Städten und Kreisen zu uns““, sagt Smolenaers. Weitere 55 000 Beschäftigte pendeln innerhalb ihrer Stadt oder Gemeinde. Laut einer Mobilitätsuntersuchung des Kreises Viersen aus 2016 ist das Auto mit einem Anteil von 61 Prozent an allen zurückgelegten Wegen an einem normalen Werktag das am stärksten genutzte Verkehrsmittel. „Damit mehr Menschen als bisher den Öffentlichen Personennahverkehr im Kreis Viersen nutzen, reiche alleine die Einführung des 365-Euro-Tickets zwar nicht aus“, meint Smolenaers. „Es wäre aber ein wichtiger Baustein, um den Systemwechsel in Sachen Pendlerverkehr zu erreichen.“

In Wien wurde das System
bereits 2012 eingeführt

Während im Kreis Viersen noch über die Idee diskutiert wird, haben andere Kommunen bereits damit ihre Erfahrungen gemacht. Allen voran steht die Stadt Wien. Dort wurde bereits 2012 eine Jahreskarte für 365 Euro für die Wiener Linien eingeführt. Die österreichische Hauptstadt gilt seitdem als Vorbild für einen kostengünstigen öffentlichen Nahverkehr.

Das zeigt sich insbesondere anhand der Passagier­-Entwicklung: 2011, im Vorjahr der Ticketeinführung, hatten die Wiener Linien 875 Millionen Fahrgäste, 2018 waren es 965,9 Millionen, was einem Anstieg um 10,4 Prozent entspricht. Besonders deutlich zeigt sich der Effekt aber bei der Menge der verkauften Jahreskarten in Wien. 2011 waren es noch 363 000 Abonnements, 2012 bereits 501 000 und im vergangenen Jahr 822 000, was mehr als einer Verdopplung der Menge vor Einführung des 365-Euro-Tickets entspricht. Die Wiener Linien haben damit nicht nur die Menge ihrer Jahreskarten steigern können, sondern seit 2015 auch mehr Abonnenten als zugelassene Pkws (709 000).

Aber dieser Zuwachs an Fahrgästen hat seinen Preis, da mit der Vergünstigung Einnahmeeinbußen einhergehen. Diese waren in Wien noch relativ moderat. Vor der Einführung des 365-Euro-Tickets kostete eine Jahreskarte dort rund 450 Euro. Doch die Umsetzung des Projekts ist nicht nur eine Frage der Kosten. „Der Preis sei das eine, es müsse auch das Gesamtangebot passen“, erzählt Lisa Schmid von den Wiener Linien. Neben der Senkung des Fahrpreises habe man auch viel Geld in den Ausbau des Liniennetzes, dichtere Taktungen sowie der Anschaffung neuer Fahrzeuge investiert, um dem gestiegenen Andrang gerecht zu werden. 96 Prozent der Wiener Bevölkerung könne inzwischen im Umkreis von 500 Metern eine Haltestelle erreichen. Dass ein vergünstigter Preis allein nicht ausreicht, beweist auch das Beispiel Bonn. In der Bundesstadt läuft bereits seit Anfang des Jahres ein Modellversuch mit einem 365-Euro-Ticket. Von 17 000 veranschlagten Tickets wurden bis September gerade einmal 6000 verkauft. Kritiker sehen dafür vor allem zwei Gründe verantwortlich. Zum einen sei die Zielgruppe für das Ticket relativ klein: Denn das 365-Euro-Ticket kann nur von Neukunden erworben werden, zudem gilt es nur im Stadtgebiet, weshalb das Angebot für Pendler nicht attraktiv sei. Zum anderen sei mit dem Ticket das Angebot nicht nennenswert erweitert worden.

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