Viersen: Kunst-Inseln - Eisberg trifft auf U-Boot

Viersen: Kunst-Inseln - Eisberg trifft auf U-Boot

Ruhr 2010: Der Viersener Matthias Nitsche ist der Herr der Kunst-Inseln. Er ist für ein spektakuläres Projekt auf dem Essener Baldeneysee verantwortlich.

Viersen/Essen. Kulissenschieber oder Totengräber - vor dieser Wahl habe er als Dissident in der DDR gestanden, erzählt Matthias Nitsche. Der studierte Maschinenbauer aus Chemnitz entschied sich für einen Job am Maxim-Gorki-Theater im Osten Berlins, und fand hinter den Brettern, die die Welt bedeuten, die Aufgabe seines Lebens. Als der aufmüpfige junge Mann Anfang der 80er Jahre ausgewiesen wurde ("Wir wollten das DDR-System links überholen"), blieb er dem Theater treu.

Rund 30 Jahre später sitzt Matthias Nitsche in seinem Wohnzimmer tief im Westen, genauer: im Viersener Stadtteil Süchteln, und sagt mit feinem sächsischem Einschlag in der Stimme: "Ich koordiniere den Übergang von Kunst in das Materielle." So erklärt der ehemalige Technische Direktor der Deutschen Oper am Rhein das Wesen seiner Arbeit, die ihn schon bis nach Los Angeles, Shanghai, São Paolo und Tokio geführt hat.

Als besonders spektakuläres Projekt nennt er "The Black Rider" in Hamburg. Für das 1990 in Jürgen Flimms Thalia-Theater uraufgeführte Musical steuerten Tom Waits und William S. Borroughs Musik und Texte bei - zwei Kultur-Kultfiguren, auf die Nitsche damals traf. "Damit bin ich in der Szene berühmt geworden."

Der heute 55-Jährige ist also kein Mann, der vor großen Namen und irrwitzigen Plänen zurückschrecken würde - was ihm derzeit sehr zugute kommt. Denn der selbstständige Fachmann für Ausstattung und Technik hat im Rahmen der "Ruhr 2010"-Veranstaltungen dafür zu sorgen, dass in wenigen Wochen gewaltige, von namhaften Künstlern geschaffene Objekte auf der Ruhr und dem Essener Baldeneyesee zu sehen sind. Zu den künstlichen Inseln gehören der obere Teil eines U-Boots und ein Eisberg. Beide sollen möglichst realistisch wirken, das begehbare Innere des Bergs wird sogar abgekühlt.

Auf einem weiteren Eiland sind Windräder geplant, die tatsächlich Strom produzieren. Und das dümpelnde Kunstwerk mit dem klangvollen Namen "Frosch und Teemeister" beinhaltet grüne Beete auf dem Wasser. Besucher sollen drei der Inseln nach einer Tretboot-Fahrt betreten können. Als fünftes Element hinzu kommt eine fest installierte Landmarke ruhrabwärts: eine Rettungsring-Skulptur mit zehn Metern Durchmesser.

Nitsche: "Das gesamte Projekt schien zunächst unlösbar, ich wurde als ,Troubleshooter’ (Problemlöser) geholt." In dieser Eigenschaft musste sich der Bühnen-Experte plötzlich mit Schleppankern und der Gefahr des Kenterns beschäftigen. "Ich besitze zwar einen Segelschein, aber ich habe noch nie Dekorationen gebaut, die man als Schiffe betrachten kann." Was die Behörden-Vorschriften angehe, sei jede Insel nichts anderes als eine Yacht mit defektem Motor.

Am 12. April wird damit begonnen, die in verschiedenen Werkstätten und einer Duisburger Werft entstandenen Ponton-Atolle aus Stahl und Kunstharz (Baukosten: 200 000 Euro pro Stück) per Autokran aufs Wasser zu setzen. Eröffnung ist am 12. Mai. "Wenn sie alle schwimmen, werde ich tagelang im Bootshaus am Ufer sitzen und sie einfach angucken", sagt Matthias Nitsche. "Und hoffentlich mit dem Gedanken: Du hast es hingekriegt."

Einige Monate später muss er dann für den Abbau der tonnenschweren Illusionen sorgen. Sie werden möglicherweise von Museen übernommen - ein Wiederaufbau in New York oder Dubai würde ihm viel Spaß machen, sagt der Weltenbummler in Sachen Kunst.

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