Viersen: Archiv legt neue Zahlen über NS-Opfer vor

Viersen im Nationalsozialismus : Zahl der NS-Opfer fast doppelt so hoch

Mitarbeiter des Kreisarchivs haben Akten des Amtes für Wiedergutmachung ausgewertet und waren vom Ergebnis überrascht.

Bisher waren im Kreisarchiv die Namen von 214 Viersenern dokumentiert, die während des Zweiten Weltkriegs von Nationalsozisalisten drangsaliert, eingesperrt, in den Selbstmord getrieben oder ermordet wurden. „Jetzt hat sich die Zahl der bekannten Fälle deutlich mehr als verdoppelt“, sagt Michael Habersack, Leiter des Archivs. In einer neuen Liste sind nun also rund 600 Namen aufgeführt. Aber: „Die Dunkelziffer wird höher sein“, sagt Habersack. Auch Günter Thönnessen, Sprecher des Vereins zur Förderung der Erinnerungskultur Viersen 1933-45, betont: „Auf den ersten Blick, das ergeben unsere eigenen Recherchen, ist diese Zahl noch deutlich zu niedrig.“

Warum wurde die
neue Liste angelegt?

Die Fraktionsmitglieder von SPD, Grünen und Linke hatten im September 2018 beantragt, dass eine „Liste der Viersener Todes- und Verfolgungsopfer des Nationalsozialismus“ erstellt werde. Im November beschlossen die Mitglieder des Kultur- und Partnerschaftsausschusses, dass sich die Stadtverwaltung an Landrat Andreas Coenen (CDU) wenden soll mit der Bitte, die im Kreisarchiv vorliegenden Daten aktualisieren zu lassen.

Wie ist die Liste
zustande gekommen?

„Wir hatten bereits eine Datenbank über NS-Verfolgte angelegt“, sagt Habersack. Diese sei um Daten aus 502 von 550 Akten erweitert worden, die das städtische Amt für Wiedergutmachung 1994 an das Archiv abgegeben habe. Die Akten beinhalten Anträge von Opfern oder deren Angehörigen. Zuletzt seien die Daten 1992 aktualisiert worden, berichtet Habersack. Damals war gerade in der Schriftenreihe des Kreises Viersen Band 38 mit dem Titel „Geschichte der Juden im Kreis Viersen“ erschienen, aktuelle Forschungsergebnisse unter anderem des Historikers Arie Nabrings konnten ausgewertet werden.

Welche Opfergruppen
sind erfasst?

In den Akten sind die Opfer in Kategorien eingeteilt, erläutert Habersack: in die Gruppen politisch, rassisch, religiös und sonstige Verfolgte. Zu den sonstigen Verfolgten zählen zum Beispiel Viersener, die auf Grundlage des sogenannten Erbgesundheitsgesetzes sterilisiert wurden. Anträge von verfolgten Homosexuellen tauchen in den Daten nicht auf: Weil Homosexualität in Deutschland bis vor 25 Jahren unter Umständen als strafbar galt, wäre es für sie riskant gewesen, Wiedergutmachung zu beantragen. „Die größte erfasste Gruppe sind die rassisch Verfolgten“, sagt Habersack. In 320 von 333 Fällen seien die Opfer jüdische Mitbürger, in den übrigen Sinti und Roma. Die zweitgrößte erfasste Opfergruppe sind politisch Verfolgte (127 Fälle). „62 waren KPD-Leute, 21 gehörten der SPD an“, sagt Habersack. Auch die Namen von elf religiös Verfolgten sind dokumentiert, „mehr als die Hälfte waren Katholiken“. 48 Fälle waren in den Akten keiner Kategorie zugeordnet.

Was passiert jetzt mit den Daten?

Der Kulturausschuss hat beschlossen, sie dem Verein zur Förderung der Erinnerungskultur Viersen 1933-45 zur Verfügung zu stellen. Dessen Mitglieder haben es sich zur Aufgabe gemacht, im Gedenken an ermordete Opfer Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig auf Bordsteinen verlegen zu lassen. „Wir haben jetzt mit der Liste eine ganze Reihe an Namen und Adressen“, sagt Habersack – doch inwiefern diese Adressen für die Verlegung von Stolpersteinen in Frage kommen, könne er nicht sagen. Der Verein muss die Daten also noch auswerten. „Da liegt noch eine Riesen-Aufgabe vor uns“, sagt dessen Sprecher Thönnessen.

Ist die Recherche
damit abgeschlossen?

Nein. „Mit der Liste sind nicht alle Opfer erfasst, das ist im Grunde genommen nur das erste Sieb“, sagt Thönnessen. Der Viersener Verein recherchiert weiter, nutzt dafür zum Beispiel Online-Datenbanken.

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