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Studentinnen fragen Viersener nach Lieblingsplätzen in Viersen

Umfrage in Viersen : Studenten fragen nach vergessenen Orten

Für ein Hochschulprojekt suchen zwei angehende Kulturpädagoginnen Lieblingsplätze der Viersener Bürger.

Früher gab es bei uns auf der Straße einen kleinen Lebensmittelladen, der einfach alles im Angebot hatte. Und vor allem genau das, was man während des Backens im Küchenschrank vermisste. Da gab es nur eine Lösung: Flott lief jemand aus der Familie die paar Meter die Straße hinunter und besorgte das Fehlende. In diesem Laden durften schon unsere Kleinsten eigenständig samstags die Brötchen einkaufen. Hier erfuhren wir alles, was im Dorf passierte. Der Laden existiert heute nur noch in unserer Erinnerung. Nun befindet sich dort eine ganz normale Wohnung. Aber der Laden bleibt ein Ort, an den meine ganze Familie gerne zurückdenkt und von dem wir oft erzählen.

„Sie haben einen nicht mehr existierenden oder vergessenen Ort in Viersen, an den Sie gerne zurückdenken?“ Diese Frage stellen die angehenden Kulturpädagoginnen Janne Schwerdtfeger und Roisin Keßler und fahren fort: „Dann lassen Sie uns ihn gemeinsam wieder zum Leben erwecken.“ Mit ihrer Frage bitten sie die Viersener, eine Geschichte über ihren Lieblingsort zu erzählen, das Verlorene zu beschreiben, wenn möglich ein Foto davon zu finden und damit wieder zu beleben.

Keßler, geboren 1996, und Schwerdtfeger, Jahrgang 1998, studieren an der Hochschule Niederrhein. Im fünften Semester des Bachelorstudiengangs Kulturpädagogik steht das „Outdoor-Projekt“ im Vorlesungsverzeichnis. Die Studenten sind aufgefordert, eine kulturpädagogische Maßnahme zu planen und selbstständig durchzuführen. Damit setzen sie Gelerntes aus den Bereichen Mediales Gestalten und Ästhetische Kompetenz um und erwerben wirklichkeitsnahe Fähigkeiten für ihre spätere berufliche Tätigkeit.

Der Titel der Veranstaltung in diesem Semester lautet „Stadt-Land, Jung-Alt, Inland-Ausland – Kulturpädagogische Zielgruppenprojekte im nicht-urbanen Raum“. Inhaltliche Schwerpunkte sind neben der Begriffsklärung „nichturbaner Raum“ und der Hinterfragung der Vorurteile über den ländlichen Raum die Möglichkeiten und Potenziale für die kulturpädagogische Arbeit im ländlichen Raum. Geleitet wird die Veranstaltung von der Künstlerin Dagmar Reichel und dem Theaterpädagogen Dirk Windbergs, beide aus Viersen, die seit einigen Jahren einen Lehrauftrag an der Hochschule Niederrhein haben.

Janne Schwerdtfeger und Roisin Keßler lernten von der Stadt Viersen zunächst die Bachstraße kennen. Ein wenig am Rande und unspektakulär. Hier aber – im ehemaligen Kunst- und Kulturhaus von Dagmar Reichel und Dirk Windbergs – erfuhren sie durch ihre Dozenten von Viersens Aktivitäten und waren beeindruckt. Vor allem von den kulturellen Angeboten. „Chöre, Kindertheater, freies Theater, ein Museum – hier wird offenbar viel getan, obwohl die Stadt klein ist“, stellte Roisin Keßler fest.

Schwerdtfeger und Keßler kommen aus deutlich größeren Städten: Keßler aus Kassel und Schwerdtfeger aus Krefeld, beide mit deutlich mehr als 200 000 Einwohnern knapp dreimal so groß wie Viersen. Beide studieren in Mönchengladbach, Schwerdtfeger pendelt aus Krefeld zu ihrem Studienort. „Wir haben eine Stadt vor der Nase, in der wir noch nie waren“, befanden sie und begannen sich für Viersen zu interessieren – unterstützt von ihren Dozenten. Ihr Fazit: „Eigentlich eine süße Kleinstadt!“

Mit ihrem Projekt, nicht mehr existierende und vergessene Orte aufzuspüren, besteht auch für die beiden Studierenden die Chance, Viersen mit all seinen Geschichten näher kennenzulernen. Das Projekt der beiden Frauen passt hervorragend zum Jubiläum der Stadt Viersen. Davon wussten Schwerdtfeger und Keßler zwar nichts, als sie ihre Idee entwickelten, freuen sich jetzt aber umso mehr über das Zusammentreffen.

Am Ende sollen alle Geschichten mit Bildern in einem alternativen Reiseführer festgehalten werden. „Er soll sowohl für die (langjährigen) Bewohner als auch für die Touristen Viersens die Möglichkeit geben, die Stadt aus einer ganz neuen Perspektive kennenzulernen“, so die beiden Studierenden.

Perspektiven wie die von Jutta Pitzen: Sie erinnert sich an die Kapelle des ehemaligen Altenheims „Maria Hilf“. An ihrer Stelle steht heute das Kreishaus. Dort traf sie sich mit ihren Schulfreundinnen dienstagsmorgens um 7 Uhr zum Gottesdienst. Diese fanden gemeinsam mit den Jungen des Humanistischen Gymnasiums statt. Für die jungen Gymnasiastinnen war der Gottesdienst etwas so Besonderes, dass sie eine Stunde früher aufstanden, um dort sein zu können.