Niederrhein: Vom Bock sieht es anders aus

Niederrhein: Vom Bock sieht es anders aus

Beim Treff für Fernfahrer in Herongen lernen Autofahrer die Sicht aus dem Lkw-Cockpit kennen.

Niederrhein. Wenn das mal gut geht! Willy dreht am Lenkrad, steuert seinen 40-Tonner durch die enge Kurve in Wankum, walzt dabei einen Vorgarten platt. So scheint es zumindest. "Die Perspektive täuscht, die Spiegel zeigen mir genau, dass ich richtig in der Spur bin", lacht der Brummifahrer.

Und tatsächlich: Der Vorgarten ist unbeschädigt. "Hier auf dem Bock hast du eben eine andere Sicht, ich muss weit ausscheren, das verstehen viele Autofahrer und Fußgänger nicht, darum kommt es oft zu gefährlichen Situationen", erklärt Willy Schellenbauer.

Und genau darum geht es beim Fernfahrertreff in Straelen-Herongen unter dem Motto "Vom Bock sieht es ganz anders aus". Schotter knirscht, eine Staubwolke verhüllt die Sicht, ein riesiger Laster rangiert zwischen den 20 anderen Lkw auf dem Parkplatz.

Am Rand ein paar Schaulustige, Familien, Polizisten, Brummifahrer. Sie sind zum Fernfahrertreff nach Herongen gekommen; im Gasthof Zu den Linden begrüßt sie Wolfgang Närdemann von der Düsseldorfer Autobahnpolizei: "Autofahrer unterschätzen oft die Situation, wenn sie sich zum Beispiel noch schnell vor einem Lkw auf die Autobahn einfädeln, darum zeigen wir das heute Mal aus Sicht eines Lkw-Fahrers."

Also rauf auf den Bock geklettert, anschnallen - und staunen: zweieinhalb Meter hoch sitzt der Fahrer über der Straße. "Prima Blick auf hübsche Cabrio-Fahrerinnen", schmunzelt Willy Schellenbauer und kurvt vom Parkplatz auf die Landstraße nach Wankum. Tuckert dort mit 60 daher: "Schneller darf so ein Laster nicht auf Landstraßen", sagt der Fahrlehrer vom BZ-Bildungszentrum Tönisvorst. Das BZ hat moderne Fahrschul-Lkw zur Verfügung gestellt, gelbe 40-Tonner mit Anhänger, Mercedes-Actros, über 18 Meter lang, 410 PS.

Schellenbauer und Kollegen chauffieren deutsche und niederländische Gäste, Pkw-Fahrer, auch Familien. Der Blick aus dem Cockpit zeigt: Direkt nach unten geht gar nichts, toter Winkel, Fußgänger oder Radfahrer, die sich leichtsinnig nah vor den Laster wagen, sind nicht zu sehen; neue Lkw haben deshalb einen zusätzlichen Spiegel. Die toten Winkel rechts und links bleiben trotz der Spiegel eine Gefahrenzone: "Das müssen Autofahrer einfach vernünftig mit einkalkulieren", mahnt Willy Schellenbauer.

Dann die enge Kurve in Wankum, von vorn kommt ein Kleinwagen angedüst, der Laster muss scharf nach rechts ausweichen. "Kann die Frau da im Auto nicht was warten?", ärgert sich der Fahrer. Auf der Auffahrt zur A 40 geht alles klar, wenig Verkehr. "Aber wehe, wenn wieder so ein Pkw noch schnell vorbeihuscht, dann wird’s schwierig!" Bei einer Vollbremsung, so Schellenbauer, komme sein Laster trotz modernster Technik erst nach rund 80 Metern zum Stehen.

"Wirklich beeindruckend, so versteht man endlich, dass Lkw-Fahrer es manchmal ganz schön schwer haben", meint Hans-Peter Klein aus Straelen nach der Rückkehr. Bettina Klein ergänzt: "So was sollte jeder Autofahrer mal mitmachen."

Das hören die Polizisten gern. Wolfgang Närdemann: "Eben das ist ja der Sinn solcher Aktionen, die wir öfter durchführen." Nur die siebenjährige Julia Klein ist ganz still und schaut skeptisch zum Lkw - trotz Papas Hilfe ist ihr beim Rausklettern aus dem hohen Cockpit etwas mulmig geworden.

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