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Leiterin der Primusschule Viersen geht in Ruhestand

Primusschule in Viersen : Leiterin der Primusschule geht in den Ruhestand

Nach den Sommerferien wird Gudrun Altemeier nicht an die Primusschule in Dülken zurückkehren. Warum die Schulleiterin vorzeitig in Ruhestand geht, was das Schulmodell für sie so besonders macht und wie es jetzt für sie weitergeht.

Eigentlich könnte Gudrun Altemeier noch weiter machen, sie ist ja erst 62 Jahre alt. Doch obwohl sie sehr gerne Leiterin der Primusschule in Dülken ist, hat sie beschlossen, sich Ende Juli vorzeitig in den Ruhestand zu verabschieden. „Ich arbeite hier mit Leidenschaft, das kostet Kraft und Energie“, sagt Altemeier. Im vergangenen Jahr habe sie aber gemerkt, dass sie diese Energie „nicht mehr in vollem Umfang“ aufbringen könne. Trotzdem weiter zu machen, kam deshalb für sie nicht in Frage. „Ich möchte keine Abstriche in meiner Arbeit machen“, sagt Altemeier, die als Pionierin das Modellprojekt Primusschule mit aufgebaut hat. Und auch, wenn sie das viel Kraft gekostet hat: Der Einsatz habe sich gelohnt, betont sie. „Für mich ist dieses Modell die Schule der Zukunft.“

Im Schuljahr 2014/2015 startete in der Stadt Viersen der Schulversuch Primusschule. „Wir haben mit drei ersten Klassen angefangen“, erzählt Altemeier. „Jetzt sind wir am Ende des siebten Schuljahres.“ An insgesamt fünf Standorten in Nordrhein-Westfalen wird in dem Schulversuch erprobt, welche Vorteile es bringt, wenn Kinder und Jugendliche von der ersten bis zur zehnten Klasse durchgehend die selbe Schule besuchen. Unterrichtet wird jahrgangsübergreifend in Klassenverbänden: Es lernen also zum Beispiel die Erst- und Zweitklässler gemeinsam, die Dritt- und Viertklässler – das soll sich fortsetzen bis zur zehnten Klasse. Die Primusschule in Viersen hat zudem Kooperationen mit dem Clara-Schumann-Gymnasium und dem Berufskolleg in Dülken. Dorthin können die Schüler also nach der zehnten Klasse wechseln, wenn sie möchten.

Zuvor hatte Altemeier in Düsseldorf unterrichtet

Bevor Gudrun Altemeier Leiterin der Primusschule wurde, hat sie an verschiedenen Grundschulen unterrichtet. Als Referendarin war sie in Düsseldorf, dort trat sie auch ihre erste Stelle als Lehrerin an. 1997 wechselte sie nach Süchteln an die Martinschule, bevor sie 1999 mit ihrem Sohn und ihrem Mann, der beruflich versetzt wurde, nach Minnesota (USA) zog. Zwei Jahre blieb die Familie dort. 2001 kehrte sie zurück, Altemeier wurde Lehrerin an der Kreuzherrenschule in Dülken – 2006 übernahm sie die Leitung. Als sich die Stadt für das Modellprojekt Primusschule bewarb, fand sie das sehr spannend und wurde Teil der Schulleitergruppe, die das Primus-Konzept entwickelten. 2014 wurde sie die erste Leiterin der neuen Modellschule.

Wenn Altemeier früher an Grundschulen den Eltern der Viertklässler eine Empfehlung dazu abgeben sollte, welche weiterführende Schulform für ihr Kind die richtige sei, „dann habe ich gelitten“, sagt sie. Für die Kinder sei dieser Zeitpunkt viel zu früh. „Deshalb war ich sehr froh und glücklich, dass ich am Konzept für die Primusschule mitarbeiten durfte“, ergänzt die 62-Jährige. Zwar sei es mit viel Planung verbunden und eine große Herausforderung, für die Kinder einen gleitenden Übergang von der Grundschule zur Skundarstufe I zu gestalten – schließlich kann sie nicht auf Erfahrungswerte zurückgreifen. Aber das Ergebnis sei es wert, betont Altemeier. Sie hoffe, dass bald flächendeckend mehr Kinder die Chance bekommen, so eine Schule zu besuchen.

In jedem der mittlerweile 14 Klassenverbände der Primusschule werden etwa 25 Schüler aus zwei Jahrgängen betreut. Im Unterricht werden sie je nach Wissensstand zu Kleingruppen zusammengefasst, angeleitete und individuelle Übungseinheiten wechseln sich in den Unterrichtsstunden ab. Zum pädagogischen Konzept gehört auch, dass sich in den höheren Klassen die Schüler gegenseitig beim Lernen unterstützen, bis zur achten Klasse werden außerdem keine Noten vergeben. Hinzu kommt der Offene Ganztag, in dem sich die Gruppen mischen. „Alle Schüler kennen sich untereinander, alle Lehrer kennen alle Schüler: Es ist hier ein großer Familienbetrieb“, sagt Altemeier.

Wegen der Corona-Pandemie mussten Altemeier, ihre Lehrkräfte und die Schüler jedoch in den vergangenen Monaten auf einige der gemeinsamen Aktionen verzichten. „Es war schon ein komplett anderer Schulalltag“, sagt sie. Projektwochen, Adventssingen, Martinszug, Karnevalsfeier – war alles zuletzt nicht möglich. Auch im Ganztag  gab es Einschränkungen, mussten Gruppen auf Distanz bleiben. „Ich wünsche mir so sehr, dass es ab Herbst wieder möglich ist, alles, was zum Schulleben gehört, anzubieten“, sagt Altemeier. Das umzusetzen, ist dann aber nicht mehr ihre Aufgabe. Wer ihre Nachfolge antrete, sei geregelt – aber noch nicht offiziell.

Ob Gudrun Altemeier also ab August soweit möglich die Welt bereist, ihren Garten komplett neu gestaltet, einen Leitfaden über Primusschulen schreibt? „Ich freue mich erst Mal darauf, mein Familienleben mehr leben zu können“, sagt sie. Vielleicht wird sie auch wieder öfter Dressurreiten, so wie früher. In den vergangenen Jahren hatte sie wenig Freizeit, sie sei voll mit dem Schulmodell beschäftigt gewesen, sagt Altemeier. Und auch, wenn sie froh ist, dass damit jetzt Schluss ist: „Ich werde die Kinder, das Team und die guten Gespräche, die wir im Team geführt haben, vermissen.“