Kreis Viersen: Wenn Patienten zu Diebstahlopfern werden

Vorfälle imKreis Viersen : Diebe nehmen gezielt Krankenhäuser ins Visier

Immer wieder gelingt es Dieben in Kliniken im Kreisgebiet, unbemerkt Beute zu machen. Wie Patienten sich schützen können.

Die 81-jährige Helga L. (Name der Redaktion bekannt) kam nach einem schweren Verkehrsunfall ins Städtische Krankenhaus in Nettetal und verbrachte dort eine Nacht auf der Intensivstation. Der zweite Unfallbeteiligte wurde ebenfalls in die Notaufnahme eingeliefert. „Ich hatte 100 Euro im Portemonnaie, weil ich eigentlich beim Bauernhof einkaufen wollte, als der Unfall passierte“, erzählt sie. In der Nacht habe sie gesehen, wie ihre Handtasche aus dem Zimmer genommen und wieder zurückgebracht wurde. „Ich hatte Schmerzen, habe mich nicht gemeldet und konnte mich nicht bewegen. Aber ich hab‘ das gesehen“, sagt die Seniorin. Am Morgen sei ihr aufgefallen, dass ihr Geld fehle.

Nach Auskunft der Polizei im Kreis Viersen werden pro Jahr durchschnittlich etwa 50 Diebstähle aus Krankenhäusern im gesamten Kreisgebiet angezeigt. Zum größten Teil handele es sich dabei, so eine Polizeisprecherin, um einfache Diebstähle. Das bedeute, dass die gestohlenen Wertsachen nicht gegen eine Wegnahme gesichert waren. Dies ist der Fall, wenn etwas aus den Nachtschränkchen des Patienten entwendet wird, während er im OP oder außerhalb des Zimmers ist. „Meist werden Schmuck, Bargeld oder die gesamte Geldbörse mit allen Bankkarten und Unterlagen sowie Smartphones gestohlen“, erläutert Polizeisprecherin Antje Heymans. „Ein Tatverdacht gegen das Pflegepersonal wird eher selten ausgesprochen.“

Für die meisten Fälle dürften externe Besucher verantwortlich sein, die gezielt nach leerstehenden Krankenzimmern und Tatgelegenheiten Ausschau halten oder eine Gelegenheit spontan zum Diebstahl nutzen, so Heymans.

Die Tricks dieser Betrüger kennt man auch im Krankenhaus Netettal, wie Pflegedienstleiter Norbert Peffer beschreibt. „Mal wird gefragt ,Liegt hier Herr XY?’, um in ein Zimmer zu gelangen.“

Oder es werde vorgetäuscht, nach einem Stuhl zu suchen. Im Krankenhaus am Sassenfelder Kirchweg werden pro Jahr 8000 Menschen behandelt. Diebstahl sei ein schwieriges Thema, insbesondere wenn organisierte Kriminelle nach Beute suchen würden. Solche Fälle kämen immer wieder vor, sagt Peffer, der seit 30 Jahren Pflegedienstleiter ist.

Ähnlich ist die Erfahrung von Kim-Holger Kreft, Geschäftsführer des Allgemeinen Krankenhauses (AKH) Viersen. Dort werden jährlich 12 000 Menschen stationär aufgenommen. Die Zahl der gemeldeten Diebstähle gibt Kreft mit „zwei bis drei in den vergangenen fünf Jahren an“. Das Krankenhaus versuche, den Patienten die höchstmögliche Absicherung zu bieten, etwa mit einem Schließsystem und Chips mit Zugangsberechtigung. Das Stationspersonal sei zudem sensibilisiert, die Patienten würden über ein Diebstahlrisiko informiert. „Was auch vorkommt, wenn auch bisher nicht bei uns, ist der Diebstahl von medizinischen Geräten“, erläutert Kreft.

Auf Aufklärung und Sicherheit setzt das Süchtelner St.-Irmgardis-Krankenhaus, wie dessen Sprecherin Sigrid Baum erläutert. Dort werden pro Jahr 8000 Menschen stationär behandelt. Die Patienten könnten Safes im Zimmer nutzen, während der Öffnungszeiten der Verwaltung könnten außerdem zentrale Safes genutzt werden.

Zudem würden die Patienten über Infotafeln und -zettel darauf aufmerksam gemacht, auf ihren Schmuck, ihr Geld und ihre Handys zu achten. Aber: „Wir können die Zimmer nicht abschließen“, macht Sigrid Baum deutlich.

Doch nicht immer ist nachvollziehbar, ob auch tatsächlich etwas entwendet wurde. „In 90 Prozent aller Fälle klärt es sich, was angeblich gestohlen wurde“, so Lisa Opszalski, die für die Versicherungsabwicklung im Nettetaler Krankenhaus zuständig ist. Ein Beispiel: Ein Senior habe eine wichtige Tasche unter der Bettmatratze versteckt und später vermisst. Auch könnten Patienten verwirrt sein oder sich nach einem nervenaufreibenden Unfall nicht richtig erinnern.

Wenn ein Mensch in die Notaufnahme eingeliefert werde, laufe eine Routine ab. „Wertsachen werden, sobald sie der Rettungsdienst übergeben hat, erfasst“, schildert Norbert Peffer. Im Fall von Helga L. musste man sich aber um den zweiten Schwerverletzten kümmern. Darum wurde bei der Seniorin nicht schriftlich festgehalten, welche Wertsachen sie mitbrachte, wie es normalerweise der Fall sei. „Primär sind alle Mitarbeiter damit beschäftigt, den Patienten zu versorgen“, sagt Peffer. Aus Kulanz erhielt die Seniorin dennoch den ihrer Aussage nach fehlenden Geldbetrag erstattet.

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