Freiheitsstraße in Viersen: Warum hier ein Arbeiter auf Tauchgang ging

Unter der Freiheitsstraße : Taucher wacht über Bauarbeiten

Am Montag wurde an der Freiheitsstraße die Betondecke für den Tiefensammler gegossen. Ein Taucher kontrollierte den Bau.

Das Wasser in der Baugrube an der Freiheitsstraße ist knapp 9,50 Meter tief, die Wassertemperatur beträgt etwa 17 Grad Celsius. Sichtweite unter der Oberfläche, sobald langsam die erste Ladung Beton eingelassen wird: gleich Null. „Ich habe aber permanent Funkverbindung“, sagt Taucher Marvin Schneider, bevor er sich für seinen Einsatz bereit macht. Er soll an diesem Montagmittag dafür sorgen, dass in der ersten Baugrube für den Tiefensammler eine rund 45 Quadratmeter große dichte Betondecke gegossen wird. Sie soll künftig das Grundwasser aus der Grube fernhalten. Abtauchen unter der Freiheitsstraße – klingt für den Laien eher ungewöhnlich. „Für uns sind solche Einsätze ganz normal, das ist unser tägliches Brot“, sagt Schneiders Kollege Arno Barian.

Seit Mitte März laufen an der Freiheitsstraße die Arbeiten für die erste von acht Baugruben des geplanten rund 2,5 Kilometer langen unterirdischen Regenrückhaltebeckens. Damit die Arbeiter von dort aus den Tunnel anlegen können, muss jetzt das Wasser aus der rund 14 Meter tiefen Grube. „Bis nächste Woche Montag pumpen wir sie leer“, sagt Markus Tieben, Projektleiter der NEW. Wenn an diesem Montagmittag der Beton in die Grube gepumpt wird, soll auch nach und nach das Wasser abgelassen werden. Es sei wichtig, dass der Wasserdruck gleich bleibe, so Tieben – sonst könnte es passieren, dass die 1,30 Meter dicke Betondecke nicht dicht wird. Eine Firma liefert insgesamt 56 Kubikmeter Unterwasser-Beton an, der durch einen Schlauch unter Wasser geleitet wird.

Taucher Schneider kontrolliert, ob der Beton am Boden in alle Ecken und Nischen gelangt. Wirklich glatt streichen muss er ihn nicht: Am Schlauch ist dafür ein Werkzeug befestigt, „das ist im Prinzip wie eine Maurerkelle mit 1,20 Meter Durchmesser“, erklärt er. In einem Metallkasten wird Schneider bis zu einem Vorsprung in der Grube runter gelassen, dann hebt ihn ein Arbeiter ins Wasser.

Für die Betondecke sind zwölf Anker gesetzt worden

Einmal abgetaucht, nehme er vor allem die lauten Pumpgeräusche wahr, erzählt Schneider – und natürlich die Stimme des Kollegen, die über Funk bei ihm ankommt. „Wir hatten eine Woche Vorlauf“, sagt Barian: Mit einem Hochdruckwasserstrahl musste der Boden der Grube geebnet, Lehmklumpen mussten von den Wänden abgetragen werden.

Darüber hinaus seien von oben für die geplante Betondecke zwölf Anker gesetzt worden, ergänzt Projektleiter Tieben. „Sie sollen das statische System ausgleichen.“

Wenn die Pumpe beginnt, die erste Ladung Beton in die Grube zu befördern, wartet Schneider etwa eine halbe Stunde – dann taucht er ab. Etwa eineinhalb Stunden später soll die Betondecke fertig sein. „In einer Woche wissen wir dann, ob sie auch wirklich dicht ist“, sagt Tieben. Ende Juli solle die erste Baugrube wieder verfüllt werden, ergänzt er. Die Bauarbeiten sind damit aber noch längst nicht beendet, sie dauern voraussichtlich noch dreieinhalb Jahre.

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