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Deutlich mehr Zwangsarbeiter im Kreis Viersen als bisher bekannt

NS-Zeit im Kreis Viersen : Neue Erkenntnisse zu Zwangsarbeitern

Zu einem düsteren Kapitel der Stadtgeschichte gibt es neue Erkenntnisse. Die Nazis beschäftigten weit mehr als die bisher bekannten gut 5.500 Zwangs- und Fremdarbeiter im Kreis Viersen. Wo waren sie beschäftigt? Wie lebten sie?

Im Kreis Viersen waren während des Zweiten Weltkriegs deutlich mehr Menschen gegen ihren Willen als Zwangs- und Fremdarbeiter eingesetzt, als bisher bekannt. Das haben Recherchen der Historikerin Franciska Lennartz, Mitarbeiterin des Kreisarchivs, ergeben. Bislang galt als gesichert: Mindestens 5 514 Fremdarbeiter haben von 1939 bis 1945 im Kreis Kempen–Viersen gelebt. Jetzt ist klar: Es dürften wohl wenigstens vier mal mehr gewesen sein. „Insgesamt sind mindestens 6 454 Zwangsarbeiter allein in der Stadt Viersen eingesetzt worden“, sagt Lennartz. Die Jüngsten waren 14 Jahre alt. Geschuftet wurde oft von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang. Der bisweilen kilometerlange Weg vom Lager zur Arbeit musste oft barfuß zurückgelegt werden – im Sommer wie im Winter.

Herausgekommen ist ein mehr als 300 Seiten starkes Buch, das am Mittwoch in der Festhalle Viersen vorgestellt wurde. Ein bewusst gewählter Ort, wie Manfred Budel vom Verein für Erinnerungskultur erklärte. Denn auch in der Festhalle waren rund 200 russische Fremdarbeiter untergebracht. „Eine reine Bestandsaufnahme über Zahlen, Daten und Fakten des Unrechts des NS-Regimes reicht für die heranwachsende Generation nicht“, ist Lennartz überzeugt. „Um die Geschichte zu verstehen und sie erlebbar zu machen, müssen historisch weitgehend bekannte Geschehen auf den lokalen Zusammenhang heruntergebrochen werden.“ 

Insgesamt 44 Lager für Fremdarbeiter führt Lennartz in Viersen auf, es sind durchaus bekannte Adressen: Ob im Viersener Kolpinghaus (heute Geschwister-Scholl-Straße 1), bei der Viersener Aktienspinnerei (später Feldmühle, Gladbacher Straße 189), in der Königsburg in Süchteln, in der Holtzmühle, im Marienheim an der Kaiserstraße, in der Körnerschule an der Klosterstraße, bei Kaiser’s Kaffee an der Goetersstraße, im Josefshaus in Süchteln, in der Schule an der Zweitorstraße... dort überall waren die Zwangsarbeiter untergebracht.

„Wir wussten, dass die Zeit gegen uns arbeitet, und ein Dialog mit Zeitzeugen in fünf oder zehn Jahren nicht mehr möglich ist“, sagt Lennartz. Mehrere Zeitzeugen hat sie getroffen, so schildert unter anderem Matthias Heyer von seiner Kindheit auf dem Heyer-Hof, wo eine polnische Zwangsarbeiterin für Stallarbeiten und im Haushalt eingesetzt war. Julchen wurde auf dem Dachboden des Kuhstalls einquartiert, eine vergleichsweise großzügige Unterkunft im Vergleich zu den etwa 50 französischen Kriegsgefangenen, die von der drei Kilometer entfernten Gaststätte Siemes zu Fuß zu den landwirtschaftlichen Betrieben laufen mussten.

Bei Otto Fuchs in Dülken
waren 980 Arbeiter untergebracht

Die in Viersen eingesetzten Zwangsarbeiter stammten überwiegend aus der Ukraine, schreibt Lennartz. Aus verschiedenen Quellen hat sie zusammengetragen: Die Fremdarbeiter wurden in der Landwirtschaft eingesetzt, aber auch Handwerksbetriebe wie Bäckereien forderten die Fremdarbeiter an. Und die Industrie: Auf dem Gelände von Otto Fuchs in Dülken gab es ein Frauenlager für 230 Ostarbeiterinnen und ein Männerlager für 750 Fremdarbeiter, davon zwei Drittel aus der Ukraine. Für ihren Einsatz verdienten die Fremdarbeiter zwar den Bruttolohn eines vergleichbaren deutschen Arbeiters, berichtet Lennartz in ihrem Buch. Abgezogen wurden allerdings Ostarbeiterabgabe und Entgelt für Verpflegung und Unterkunft (geschlafen haben je 20 bis 24 Zwangsarbeiterinnen in einer Stube in zweistöckigen Betten auf Strohmatratzen). Von dem restlichen Geld durften die Zwangsarbeiter im Lager Kleinigkeiten kaufen.

Kaum ein größerer Betrieb im Bereich des heutigen Viersens, der ohne Zwangsarbeiter auskam: Pongs & Zahn, Kaiser’s Kaffee, Borgward, Brand & Söhne, die Pektinwerke, die Viersener Aktienspinnerei... Tausende Zwangsarbeiter verloren ihr Leben in Viersen. Weil sie in den Baracken krank wurden, weil sie der harten Arbeit nicht gewachsen waren. Dutzende starben auch bei Bombenangriffen der Alliierten kurz vor Kriegsende.

Doch auch wer die Zwangsarbeit überlebte, konnte trotzdem an ihr zugrunde gehen. „Etliche russische Zwangsarbeiter kamen in den Gulag, weil sie für den Feind gearbeitet hatten“, berichtete Leah Floh, Vorstandsvorsitzende der Jüdischen Gemeinde Mönchengladbach–Viersen bei der Buchvorstellung. „Andere litten ihr Leben lang an posttraumatischen Belastungsstörungen.“

Lennartz‘ Buch „Fremd- und Zwangsarbeit in Viersen von 1933 bis 1945“, verlegt von Stefan Kronsbein, wird auf der Publikationsliste der Landeszentrale für Politische Bildung NRW erscheinen – und kann dort im kommenden Jahr gratis bestellt werden.