Der junge Chinese Wei Lin ist der neue Dirigent des Orchesters Opus 125

Viersen : Musik hilft über Sprachbarrieren hinweg

Der 29-jährige chinesische Dirigent Wei Lin leitet seit drei Monaten das Orchester Opus 125.

Es ist Punkt 20 Uhr am Dienstagabend, als Wei Lin seinen Taktstock hebt. Einige Minuten vorher ist Konzertmeister Pierre Leibfried mit seiner Geige durch die Reihen gegangen, damit die Instrumente und Konzertkollegen für die wöchentliche Probe ein- und gestimmt werden.

Die Konzentration aller Musiker richtet sich auf den jungen Dirigenten. Die ersten Töne von Mendelssohn Bartholdys Sinfonie Nr.3 A-Moll erklingen. Mit zurückhaltenden, aber klaren und intensiven Gesten leitet Lin sein Orchester durch die Sinfonie. Hält inne, erklärt – weniger mit Worten, denn mit Gesten und gesungenen Kommentaren – an welcher Stelle Verbesserungen nötig sind.

Erst seit drei Monaten leitet Wei Lin das Viersener Sinfonieorchester opus 125. Der langjährige musikalische Leiter Michael Mengen hatte sich vergangenes Jahr nach 20 Jahren aus seiner Arbeit zurückgezogen. Opus 125 suchte einen neuen Dirigenten. Neben Lin wurden zwei weitere Anwärter zur Vorstellung eingeladen.

Der Tipp, Lin anzusprechen, kam von Stefan Wehr, in Viersen beheimateter Professor an der Kölner Hochschule für Musik und Tanz und Leiter der „Rheinischen Opernakademie“. Er ist zudem ein Schulfreund von Konzertmeister Leibfried. Alle Bewerber gestalteten eine Probe mit dem Orchester und bald war klar, dass Lin der richtige Mann war. Mit deutlicher Mehrheit stimmten die Orchestermitglieder in geheimer Wahl für den jungen Absolventen der Kölner Hochschule für Musik.

„Es war die unglaubliche Freude an der Musik, die er ausstrahlt, wenn wir musizieren“, begründet Klarinettist Norbert Miller sein Votum für Lin. Pierre Leibfried meint lachend: „Es war Liebe auf den ersten Blick.“ Und fügt hinzu: „Wir brauchen einen Dirigenten, der neue, frische Ideen hat.“

Sich zu verständigen ist während der Orchesterprobe kein Problem

Die bringt der 29-Jährige mit. Lin wurde 1990 in China geboren. Er wurde früh geprägt: Sein Vater war Kompositionslehrer an der Musikakademie. Schon mit vier Jahren erhielt Lin die ersten Klavierstunden, mit 13 erlernte er Harmonielehre und Komposition. Wei Lin studierte von 2006 bis 2009 am China Conservatory of Musik Komposition, von 2009 bis 2014 absolvierte er ein Dirigentenstudium. In dieser Zeit machte er erste Erfahrungen als Dirigent eines Orchesters der Xinzhongguan-Grundschule in Peking.

2015 wechselte Lin nach Köln, wo er ab 2016 sein Masterstudium bei Alexander Rumpf an der Hochschule für Musik und Tanz aufnahm. „Schwer ist für mich die Sprache“, sagt er. Aber wer braucht schon Deutsch, wenn er die internationale Sprache der Musik hat. Sich zu verständigen ist während der Orchesterprobe kein Problem. „Wenn wir nicht sofort verstehen, was er meint“, erzählt Norbert Miller, „dann singt oder spielt Lin uns am Klavier die Passagen vor. Was andere mit Worten machen, macht er musikalisch.“

Wei Lin fühlt sich wohl mit den Opus125-Musikern. „Die Leute sind sehr nett und Pierre Leibfried hilft mir immer, wenn ich mit der Sprache nicht weiterkomme. Er ist der Übersetzer“, sagt Lin. „Dieses Orchester ist eine Herausforderung für mich, an der ich mich stählen kann“, beschreibt der Dirigent.

Seine Lieblingskomponisten? Beeethoven. Brahms, Wagner und Rachmaninoff. Auch den Namen eines chinesischen Komponisten nennt er: Tan Dun. Opus125 plant für den November 2020 eine „Musikalische Reise um die Welt“. Dann, so hofft Leibfried, wird auch ein Stück von Tan Dun auf dem Programm stehen.