Europawahl 2024 Starke AfD im Kreis Viersen – Bürgermeister setzen auf Gespräche

Kreis Viersen · Die AfD erreichte bei der Europawahl im Kreis Viersen 11,5 Prozent, verdoppelte teilweise ihre Ergebnisse. Zeit zum Reden, sagt Brüggens CDU-Bürgermeister Frank Gellen. Und die übrigen Bürgermeister?

Bei der Europa-Wahl wurden die deutschen Mitglieder des EU-Parlaments gewählt. Die AfD steigerte ihr Ergebnis im Kreis Viersen auf 11,5 Prozent.

Bei der Europa-Wahl wurden die deutschen Mitglieder des EU-Parlaments gewählt. Die AfD steigerte ihr Ergebnis im Kreis Viersen auf 11,5 Prozent.

Foto: dpa/Jörg Carstensen

Zum ersten Mal bei einer Europawahl hat die AfD in allen Kommunen des Kreises Viersens ein zweistelliges Ergebnis geholt (11,5 Prozent). Das ist zwar deutlich schlechter als das Ergebnis auf Bundesebene (15,9 Prozent). Dennoch konnte die AfD ihre Ergebnisse im Kreisgebiet teilweise mehr als verdoppeln. Wie reagieren die Bürgermeister im West-Kreis auf diesen Rechtsruck? CDU-Bürgermeister Frank Gellen aus Brüggen ist als erster in die Offensive gegangen.

Bei der Europawahl erreichte die AfD bundesweit Platz 2 nach der CDU; im Kreis Viersen ist sie nach CDU, SPD und Bündnisgrünen mit 11,5 Prozent viert-stärkste Kraft geworden. In Brüggen und in Grefrath erhielt sie doppelt so viel Stimmen wie bei der Europawahl 2019: 12,4 statt 6,7 Prozent bzw. 12,5 statt 6,9 Prozent, in Viersen waren es 12,6 statt 7,3 Prozent.

Nach diesen Wahl-Ergebnis handelte Gellen: Am Dienstag rief er die 1002 AfD-Wähler in Brüggen zum Dialog auf: „Man muss doch ins Gespräch und zu Lösungen kommen können, ohne unser Land in die Hände von Politiknazis zu geben.“ Wenn sich bis Ende Juni mindestens fünf der AfD-Wähler aus Brüggen persönlich bei ihm melden, will Gellen sie zu einem Gespräch ins Rathaus einladen.

Viersens Bürgermeisterin Sabine Anemüller (SPD) beantwortet die Frage, ob auch sie die 4145 AfD-Wähler in Viersen explizit ansprechen will, lediglich mit ihrer allgemeinen Dialog-Bereitschaft. „Als Bürgermeisterin bin ich grundsätzlich zum Dialog mit allen Menschen bereit. Das schließt ausdrücklich die Menschen in unserer Stadtgemeinschaft ein, die mit Geschehnissen und Entscheidungen auf kommunaler Ebene unzufrieden sind und auf Missstände und Missbräuche hinweisen wollen.“ Als Beispiele nennt sie ihre regelmäßige Bürgersprechstunde und persönliche Gespräche. „Nur Dialog führt zu gegenseitigem Verständnis und kann Lösungen voranbringen.“

Sabine Anemüller setzt gegen eine starke AfD bei der nächsten Kommunalwahl im Herbst 2025 auf die Parteien vor Ort: „Die Parteien haben die Aufgabe, den Menschen zuzuhören und sie mitzunehmen. Sie müssen den Menschen noch deutlicher machen, dass sie deren Sorgen und Nöte ernst nehmen und aus dem Dialog konkrete Maßnahmen entwickeln.“ Wer dies erfolgreich schaffe, „wird bei künftigen Wahlen entsprechende Ergebnisse erreichen“.

„Ich verstehe Frank Gellen“. Den Vorstoß von Brüggens Bürgermeister Frank Gellen hält sein Nettetaler Kollege Christian Küsters (Grüne) für eine „erstaunliche Aktion“. Eine Absprache unter den Bürgermeistern habe es aber nicht gegeben. Er sieht sich immer gesprächsbereit, etwa bei den Feierabendmärkten sei dies ganz zwanglos möglich, ins Gespräch zu kommen. „Ich scheue kein Gespräch“. Und mehr soziale Medien, etwa Tik Tok? „Als Stadt sind wir nicht mit Hass unterwegs“, gibt Küsters zu bedenken. Für den Nettetaler Bürgermeister ist das Wahlergebnis eine große Enttäuschung. Ihm ist die Teilhabe der Bürger am politischen Geschehen eine Herzensangelegenheit. Vor zwei Jahren hat die Stadt eigens einen Partizipationsmanager eingestellt. Der junge Mitarbeiter Jonas Niemann sieht es als einen Schwerpunkt seiner Arbeit an, einer möglichen Politikverdrossenheit entgegenzuwirken. Nach dem Wahlergebnis fragt sich Küsters, wie man AfD-Wähler noch erreiche.

In der Gemeinde Schwalmtal stimmen die Wahlergebnisse der AfD Bürgermeister Andreas Gisbertz (CDU) sehr nachdenklich. Bei der Europa-Wahl haben 996 Schwalmtaler die AfD gewählt. Das machte im Gesamtergebnis 10,6 Prozent aus, in einigen Wahlkreisen sogar 18 Prozent. „Tatsache ist, dass an Sonntag alle Demokratinnen und Demokraten verloren haben und es zwingend einer gemeinsamen Aufarbeitung bedarf“, so Gisbertz. Daher hat der Bürgermeister bereits am Dienstag alle vier Ratsfraktionen zu einem offenen Austausch eingeladen. In dem offenen Austausch soll unter anderem über folgende Fragen gesprochen werden: Was waren die Motive, so zu wählen? War es Frust, war es Überzeugung, war es Protest? Und wie kann man diese Menschen erreichen? „Alle demokratischen Parteien müssen in diesen Zeiten noch enger zusammenrücken und Lösungen erarbeiten, die die Menschen mitnehmen und die nachvollziehbar sind. Wir müssen nach Möglichkeit in den Dialog kommen mit den Menschen, die so gewählt haben. Das wird unsere gemeinsame Aufgabe für Schwalmtal sein“, so Bürgermeister Gisbertz.

Karl-Heinz Wassong, parteiloser Bürgermeister in der Gemeinde Niederkrüchten, hat direkt am Abend der Europa-Wahl aus dem Urlaub seinen Dank an alle Wahlhelfer und beteiligten Kollegen aus dem Rathaus gepostet. Wenn er zurück ist, will er mit seinem Team ein brauchbares Format zum Dialog besprechen. Über 1000 Stimmen für die AfD in Niederkrüchten – das hat den Bürgermeister schockiert. „Es ist aus meiner Sicht an der Zeit, sich die Frage zu stellen, was das für unser konkretes politisches Wirken vor Ort bedeutet. Dazu möchte ich gerne in der nächsten Zeit den Dialog mit allen Seiten führen“, so Wassong.