Amoklauf in Schwalmtal: Was passierte im Todeshaus?

Amoklauf in Schwalmtal: Was passierte im Todeshaus?

Junge Nachbarinnen kümmerten sich um angeschossenes Opfer aus dem Nachbarhaus.

Amern. Es ist Morgen in Amern. Der Bürgermeister hat Trauerbeflaggung angeordnet, am Mittag läuten alle Kirchenglocken. Die vier Parteien, die zur Kommunalwahl antreten, haben für den Rest der Woche ihren Straßenwahlkampf ausgesetzt. Und Amern füllt sich langsam aber sicher mit Übertragungswagen, Kamerateams, Reportern und Fotografen.

Auch die Polizei ist da - immer noch und schon wieder. In der Nacht haben Beamte die Waffe gesucht, die der Täter angeblich in einen Garten geworfen haben wollte. Später hatte er zugegeben, dass er sie im Obergeschoss des Tathauses versteckt hatte. Die Spurensicherung versucht Licht in die Angelegenheit zu bringen.

Denn den Ablauf des grausamen Geschehens vom Dienstagnachmittag kann die Polizei bis jetzt noch nicht mit letzter Sicherheit rekonstruieren. Viele Nachbarn sind als Zeugen noch nicht vernommen worden. Bislang hat man sich auf die Miteigentümerin Barbara K., die Tochter des Täters, und ihre Mutter, seine Ehefrau, konzentriert. Beide sind aber auch als Beschuldigte vernommen worden.

Polizei und Staatsanwaltschaft glauben zwar nicht, dass sie aktiv an den Morden beteiligt waren, sie könnten aber etwas gewusst haben. Beide machten von ihrem Recht auf Aussageverweigerung Gebrauch.

Außerdem gibt es die Aussage des überlebenden Gutachters und die des Täters. Demnach waren Barbara K., ihre Eltern und ihr Anwalt bereits im Haus, als der gegnerische Rechtsanwalt und die Gutachter klingelten. Im engen Hausflur fand ein erstes Gespräch statt. Täter Hans P. sagt, er habe für einige Minuten "dem Gespräch gelauscht". Dann sei er ins Nebenzimmer gegangen und habe die mitgebrachte Pistole ausgepackt. Zunächst schoss er sieben Mal, lud dann nach und gab drei weitere Schüsse ab, "um sicher zu sein, dass er sie töten wird", so Polizeiführer Jürgen Schreiber.

Der eine Gutachter konnte schwer verletzt fliehen, der andere starb vor der Tür. P. schloss sie hinter dem Sterbenden und ging ins Obergeschoss des Hauses, Frau und Tochter blieben mit den beiden toten Rechtsanwälten zurück. Irgendwann habe Barbara K. einen Freund angerufen. "Du musst etwas unternehmen, hier liegen Tote", habe sie gesagt.

Nachdem die Polizei so an die Handynummer gekommen war, bemühte sie sich um einen Kontakt ins Haus. Kurz darauf erschien P., schwenkte ein weißes Hemd am Fenster - und ergab sich. Das Sondereinsatzkommando nahm ihn fest.

Auch Timo Tasche aus Marl ist am Mittwoch nach Amern gekommen. Er stellt ein Schild mit der Aufschrift "Warum?" auf, setzt eine Azalee ans Grundstück. Der schwarzgekleidete Mann erregt das Missfallen der Nachbarn. Jedenfalls derer, die vor ihre Häuser kommen. Einige haben auch einfach die Rolladen heruntergelassen. "Wenn das jetzt Nachbarn machen würden", regt sich ein Mann auf, "aber einfach so daherkommen und sich in den Mittelpunkt drängen..."

Auf einer Bank vor dem Haus Nummer 12 sitzt Nadine B. (23). Das Gesicht der jungen Frau ist ernst. Von ihrem Sitzplatz aus sind es nur wenige Schritte bis zu einer eingetrockneten Blutspur vor dem Haus Nummer 14. "Ja, in die Richtung ist der Verletzte zuerst gelaufen, dann hat er uns am Fenster gesehen und kam ganz langsam auf uns zu", berichtet sie.

Nadine B. war mit einer Freundin bei sich zu Hause, als es knallte. "Wir haben erst an Feuerwerkskörper gedacht, aber als sofort darauf das Geschrei kam, wussten wir, es wird geschossen." Die beiden Frauen rennen zum Fenster. "Der Verletzte ging ganz langsam, erst um die Ecke zu Haus 14, sah uns dann am Fenster und kam zu uns", berichtet die junge Nachbarin.

Ihre Freundin ruft den Rettungswagen, sie selbst schafft den blutenden Mann in ihren Garten, wo er auf einen Stuhl sinkt. "Er wollte nur seine Frau anrufen", erinnert sich Nadine B. "Meine Freundin hat in der Zeit sicher viermal bei der Rettung angerufen, uns kam das alles so lang vor, aber es hat nur ein paar Minuten gedauert."

Am Mittwoch ging Nadine B. nicht zur Arbeit - wie die meisten ihrer Nachbarn. "Mein Chef hatte alles im Fernsehen gesehen, das war okay, dass ich nicht komme." Am Donnerstag will sie es wieder versuchen. "Am Dienstag war das alles für mich gar nicht real, irgendwie erst jetzt fange ich langsam an zu begreifen."

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