Jüdisches Leben in Viersen Dülkener Synagoge wird virtuell neu erlebbar

Viersen · Im Casino der Sparkasse in Viersen wurde das 3D-Modell der zerstörten Synagoge in Dülken vorgestellt. Es soll Teil einer neuen Gedenkstätte an der Viersener Rektoratsstraße werden.

  Das Schnittmodell der ehemaligen Synagoge in Dülken. Das 1938 niedergebrannte Gebäude wurde jetzt an der TU Darmstadt digital rekonstruiert.

Das Schnittmodell der ehemaligen Synagoge in Dülken. Das 1938 niedergebrannte Gebäude wurde jetzt an der TU Darmstadt digital rekonstruiert.

Foto: Heribert Brinkmann

Ende des Jahres soll der neue Förderverein Gedenkstätte Viersen seine Arbeit aufnehmen. Bereits Ende dieses Monats soll die neue Internetseite www.gedenkstaette-viersen.de online gehen und dazu beitragen, Interessenten für die Vereinsgründung zu finden. Das kündigte Stefan Vander, regionaler Repräsentant der Sparkasse Krefeld, am Freitag in großer Runde an. Aber im Mittelpunkt der Zusammenkunft im Casino der Sparkasse an der Viersener Hauptstraße stand ein 3D-Modell der im Novemberpogrom 1938 zerstörten Synagoge in Dülken.

Das Team von Marc Grellert an der TU Darmstadt, Fachbereich Digitales Gestalten, hat das niedergebrannte und abgerissene Gebäude am Computer rekonstruiert und mit dem 3D-Drucker ein Schnittmodell erstellt. Mit dem Zug brachte es ein Mitarbeiter am Vortag nach Viersen. Der leider erkrankte Grellert konnte nicht selber nach Viersen kommen, war aber mit einer Video-Botschaft durchaus präsent.

Die Entstehungsgeschichte des Modells ist ein wahrer Krimi: Es gibt keine Zeitzeugen mehr, die Ausgangslage waren lediglich alte Fotos und Grundrisse von Erd- und Obergeschoss. Die Synagoge war ein Prestigebau und in der ehemaligen Bahnhofsstraße, heute Martin-Luther-Straße, ein das Stadtbild prägendes Gebäude. Geplant hat es Stadtbaumeister Rudolf Ulrich, der vorher die Rathäuser von Dülken und Süchteln errichtete. Für ihn typisch war die Verwendung von roten und gelben Backsteinen. Für die Rekonstruktion des Inneren der Synagoge wurden Fensterformen, Fußbodenmuster und Treppengeländer der Rathäuser zum Vorbild genommen, ebenso Bilder aus der alten Synagoge in Mönchengladbach.

Das 3D-Modell und zwei Charts mit Informationen über die Synagoge Dülken und den geplanten Förderverein werden eine Zeit lang im Eingangsbereich der Sparkassenfiliale an der Hauptstraße ausgestellt, später dann auch in der Sparkasse in Dülken gezeigt. Kaum zu glauben, dass Grellert und sein Team die digitale Rekonstruktion der Synagoge in nur vier Wochen geschafft haben. Normalerweise rechnet er mit einem Viertel- bis halben Jahr.

Bei der Vorstellung des Imagefilms „Jüdisches Leben in Viersen – Visionen einer neuen Gedenkstätte im Rheinland“ konnte man eine Vorstellung von dieser Arbeit gewinnen. Der von der Viersener Bürgerstiftung der Sparkasse mit einem erheblichen Beitrag mitfinanzierte Film ist das Eröffnungsprojekt der künftigen Gedenkstätte.

Dieses nachhaltige Bildungsprojekt hat sich zum Ziel gesetzt, das Jüdische Leben in Viersen – erstmalig im Rheinland - virtuell erlebbar zu machen. Mit der technischen Faszination von Virtual Reality soll vor allem ein junges Publikum angesprochen werden.

  Franciska Lennartz (5.v.l.) und Stefan Vander (vorne neben dem Modell) präsentierten das 3D-Modell der Synagoge. Beifall zollten Leah Floh (4.v.r.), Bürgermeisterin Sabine Anemüller und NEW-Vorstand Frank Kindervater (beide rechts).

Franciska Lennartz (5.v.l.) und Stefan Vander (vorne neben dem Modell) präsentierten das 3D-Modell der Synagoge. Beifall zollten Leah Floh (4.v.r.), Bürgermeisterin Sabine Anemüller und NEW-Vorstand Frank Kindervater (beide rechts).

Foto: Heribert Brinkmann

Angestoßen hat das Projekt die Historikerin Franciska Lennartz, Mitarbeiterin des Kreisarchivs. Sie gewann auch schnell die Unterstützung von Leah Floh, Vorstandsvorsitzende der Jüdischen Gemeinde Mönchengladbach-Viersen. Und auch der Viersener CDU-Bundestagsabgeordnete Martin Plum spricht sich im Film für ein neues NS-Dokumentationszentrum in Viersen aus. Das ehemalige jüdische Schul- und Bethaus an der Rektoratsstraße 10 biete die einmalige Chance, ein Ort des Erinnerns und der Mahnung zu werden. Plum findet das Gedenken heute wichtiger denn je, um zunehmendem Hass, Hetze und Gewalt gegen andere in unserer Gesellschaft entgegenzuwirken.

Und es tut sich was in Hinsicht auf die Erinnerungsstätte. Die NEW hat sich bereit erklärt, so Vorstandsvorsitzender Frank Kindervater am Freitag in Viersen, die Immobilie an der Rektoratsstraße zu erwerben und der Jüdischen Gemeinde für diesen Zweck zur Verfügung zu stellen. Die Städte Viersen und Mönchengladbach wollen die Betriebskosten zur Hälfte übernehmen. In Viersen steht das Projekt auf der Tagesordnung des Rates am 2. Juli.

Bürgermeisterin Sabine Anemüller (SPD) bedankte sich bei der NEW, dabei mitzuwirken. Film, Modell und Projekt nehmen bereits an zwei Wettbewerben teil: dem Elnet-Awards für europäisch-israelische Zusammenarbeit und am Wettbewerb Digitale Orte beim „.Land der Ideen“.