Studieren ohne Abitur: Ein Modellprojekt der Hans-Blöckler-Stiftung

Studieren ohne Abitur: Ein Modellprojekt der Hans-Blöckler-Stiftung

Erst Krankenschwester, dann Gesundheitsmanagerin — ein Modellprojekt der Hans-Böckler-Stiftung soll dabei helfen.

Niederrhein. Studieren ohne Abitur — das ist möglich für alle Menschen mit abgeschlossener Berufsausbildung und mindestens drei Jahren Berufserfahrung. Dieser sogenannte dritte Bildungsweg kann auch an der Hochschule Niederrhein beschritten werden, doch hier liegt der Anteil bei nur 1,8 Prozent. Denn häufig gibt es Berührungsängste mit der akademischen Ausbildung.

Um diese abzubauen, hat das Studienförderwerk der deutschen Gewerkschaften, die Hans-Böckler-Stiftung, nun in Kooperation mit der Universität Duisburg-Essen und der Hochschule Niederrhein ein Modellprojekt aufgelegt, das 90 Studenten nicht nur finanziell beim Wechsel aus dem Beruf an die Hochschule unterstützen soll. Das Programm besteht aus Vorbereitungskursen, speziellen Lerngruppen und E-Learning-Angeboten zum Start des Wintersemesters 2014/2015.

Patin für das Projekt ist NRW-Wissenschaftsministerin Svenja Schulze (SPD): Das Stipendienprogramm der Hans-Böckler-Stiftung besteche mit seinem Ansatz, „beruflich Qualifizierte an unsere Hochschulen zu holen und sie beim Start ins Studium finanziell und vor allem mit Beratungsangeboten zu unterstützen“, so Schulze. Und weiter: „In Deutschland basiert die Studienfinanzierung auf zwei Säulen. Dabei ist größte und wichtigste Säule das BAföG. Mein Ziel ist es, dass zukünftig das BAföG-System noch flexibler wird und auf Studierende mit vielfältigen Bildungsbiografien besser reagiert. Die zweite Säule ist das Stipendien-System. Hier geht die Hans-Böckler-Stiftung mit einer guten Idee voran, die ich gerne unterstütze.“

Ziel des Studiums ist ein Bachelor-Abschluss. An der Hochschule Niederrhein stehen Stipendiaten die Fächer Gesundheitsmanagement und Gesundheitsinformatik offen. „Der Fachbereich Gesundheitswesen ist unser jüngster, aber bereits sehr erfolgreich“, sagt Hochschul-Sprecher Christian Sonntag über den 2010 gegründeten Fachbereich. „Heute sitzen unsere Absolventen an den Schnittstellen zwischen Medizin, Technik und Controlling in den Krankenhäusern und den Unternehmen der Gesundheitswirtschaft.“

Das Modellprojekt ist in drei Phasen gegliedert: Bereits mehrere Monate vor Studienbeginn bereitet ein vielfältiges Seminarangebot die Stipendiaten berufsbegleitend auf das Studium vor. Im Mittelpunkt sollen dabei unter anderem Infos zur Vereinbarkeit von Studium und Familie oder Zeitmanagement stehen, die beim Wechsel zwischen Berufsleben und Studium helfen können.

In Phase zwei wird in kleinen Lerngruppen gearbeitet: Das Wissen aus Ausbildung und Beruf soll aufgearbeitet, gleichzeitig sollen Wissenslücken gegenüber den Regelstudenten geschlossen werden. Bereits während der Teilnahme an diesem Spezialkurs — drei Monate vor dem offiziellen Studienbeginn — werden die Teilnehmer mit einem Stipendium der Hans-Böckler-Stiftung gefördert. Sie erhalten bis zu 970 Euro pro Monat. Durch einen Familienzuschlag kann es sich auf rund 1200 Euro erhöhen.

Phase drei startet dann praktisch zeitgleich mit dem Studium: Die Teilnehmer werden in kleinen Lerngruppen durch Lehrer der Hochschule betreut.

Voraussetzung für eine Bewerbung ist eine mit guten bis sehr guten Leistungen abgeschlossene Berufsausbildung, die einen Bezug zum Studienfach aufweist. Für das Studium von Gesundheitsmanagement oder Gesundheitsinformatik können sich unter anderem Krankenschwestern bewerben, aber auch Kaufleute im Gesundheitswesen und Arzthelferinnen. Zusätzlich zur Ausbildung müssen Bewerber drei Jahre Berufserfahrung gesammelt haben. Eine weitere Voraussetzung ist ein gewerkschaftliches oder besonderes gesellschaftspolitisches Engagement.

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