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So hat Schülerin Anna Schütz aus Tönisvorst den Corona-Lockdown erlebt

„Manchmal bin ich immer noch frustriert“ : So hat Schülerin Anna Schütz aus Tönisvorst den Corona-Lockdown erlebt

Für die Gymnasiastin Anna Schütz bedeutete die Zeit der Corona-Lockdowns wie für viele andere Menschen etliche Entbehrungen. Die 17-Jährige berichtet, wie sie sich in dieser Zeit fühlte und welche Hoffnungen sie jetzt hat.

Ich war in England, als die ersten Nachrichten über das neuartige Coronavirus kamen. Und von Tag zu Tag wurde immer häufiger darüber berichtet. Irgendwann Anfang März 2020 berichteten mir meine Freunde aus St. Tönis, dass die Schulen bald geschlossen sein könnten. Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich nicht, was auf mich zukommen würde – und ich denke, so ging es damals vielen.

In England gab es anfangs keine Überlegungen, die Schulen zu schließen. Ich ging in einem kleinen Ort in Cornwall zur Schule, Corona war für mich ganz weit weg. Ich machte mir keine Sorgen. Zugegeben, anfangs dachte ich auch: „Das ist doch nur eine Erkältung.“ Das erste Mal wurde ich richtig mit Corona konfrontiert, als eine Freundin von mir niedergeschlagen zur Schule kam: Eigentlich hatten wir für den Tag einen Ausflug an die Küste von Cornwall geplant. Doch dann wurde meine Freundin auf einmal von ihrer Gastmutter zurück nach Deutschland geschickt.

Ich hatte Mitleid mit ihr, war aber auch erleichtert, dass meine Gasteltern mich länger da behalten wollten. Einen Tag später änderte sich das: Der britische Premierminister Boris Johnson gab bekannt, dass die Schulen geschlossen werden würden. Es war Zeit für mich, England zu verlassen. „Ich will doch gar nicht nach Hause“, dachte ich. „England ist toll.“ Doch leider musste ich fort.

Die Nachricht hat mich überrumpelt. Und plötzlich machte ich mir Sorgen: Was, wenn ich nicht mehr nach Hause kann, weil kein Flug mehr geht? Ich war traurig, ich konnte mich kaum von meiner Gastfamilie und meinen Freunden in England verabschieden. Ich freute mich natürlich auch auf meine Familie zu Hause in Deutschland. Aber ich war auch total verunsichert, ich wusste ja nicht, wie die nächsten Wochen aussehen würden.

Auf einmal war ich zu Hause. Und jetzt? Alle Tage fühlten sich gleich an. Nichts bewegte sich weiter. Die Schule war geschlossen, Freunde treffen konnte ich nicht. Alle Aktivitäten, die sonst zu meinem Alltag gehörten, waren gestrichen. Das hat mich überfordert. Zwei Wochen zuvor hatte ich noch in die Schule gehen, in Restaurants essen, Freunde treffen können. Plötzlich saß ich den ganzen Tag allein zu Hause. Meine Eltern haben während des Lockdowns gearbeitet. Und ich war den größten Teil des Tages allein mit mir selbst.

In dieser Hinsicht war der erste Lockdown im vergangenen Jahr auch eine Möglichkeit für mich, mich selbst besser kennenzulernen. Ich habe viel nachgedacht und versucht, mich abzulenken. Ich habe zwei Dinge gelernt: Ich brauche andere Menschen. Und ich brauche die Schule. Der erste Lockdown hat mir gezeigt, wie wichtig der Kontakt zu Menschen für mich ist. Obwohl die Schule manchmal echt anstrengend ist, habe ich sie während des ersten Lockdowns vermisst. Mit der Schule im Alltag habe ich einen Rhythmus – es gibt einen Plan und eine feste Struktur.

Ein bisschen Struktur brachte das Homeschooling in meinen Alltag. Aber die sozialen Kontakte fehlten mir, sie konnte das Homeschooling nicht ersetzen. Meine Freunde fehlten mir. Irgendwann haben meine Freundinnen und ich angefangen, bis spät in die Nacht zu telefonieren. Erst war es komisch, mit ihnen nur am Telefon sprechen zu können. Normalerweise sind meine Freunde immer um mich herum, wir sehen uns jeden Tag in der Schule. Durch Corona sahen wir uns nur noch auf den Bildschirmen unserer Handys. Trotzdem war es gut, sich abzulenken und mit ihnen zu reden. Und obwohl wir ja alle den ganzen Tag nur zu Hause waren, gingen uns die Gesprächsthemen nicht aus.

Während dieses ersten Lockdowns habe ich viele Dinge schätzen gelernt, die ich früher für selbstverständlich hielt. Es waren kleine Sachen, die mir während des Lockdowns fehlten. Und teilweise fehlen mir bestimmte Sachen immer noch.

Der Sommer begann voller Hoffnungen: Endlich konnte ich mich mit mehreren Menschen treffen, zu Feiern gehen, reisen. Obwohl Maske und Desinfektionsmittel immer griffbereit waren, tat es auch gut, einfach mal weg zu sein. Lange Zeit hatte ich nur meine Eltern gesehen, jetzt sah ich täglich auch andere Menschen. Das war erst mal ungewohnt für mich – beim Spazierengehen andere Menschen sehen. Wie schnell man sich doch an etwas gewöhnen kann.

Doch irgendwann verging auch die sommerliche Euphorie. Der Herbst begann frustrierend, mit dem Lockdown light. Ja, ich konnte meine Freunde noch sehen. Ja, ich war noch in der Schule. Ich hatte Kontakt zu anderen. Und dennoch fehlte mir etwas: meine außerschulischen Aktivitäten. In dieser Zeit hatte ich das Gefühl, denselben Tag wieder und wieder zu erleben. So wie das Wetter zwischen November und Januar war, so war auch meine Stimmung. Mir ging es nicht gut, ich hatte wenig Hoffnung, dass es einen Ausweg aus dieser Pandemie-Situation geben könnte.

Manchmal bin ich heute immer noch frustriert, wenn ich mich frage, wo ich ohne Corona jetzt wäre. Könnte ich irgendwo im Ausland sein oder auf einem Konzert? Welcher Mensch wäre ich jetzt, wenn es Corona nicht gegeben hätte? Das sind komische Tage, an denen ich mir solche Fragen stelle. Obwohl ich versuche, im Hier und Jetzt zu leben, vermisse ich mein Leben vor Corona. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass die Tage der Hoffnung überwiegen, Tage, an denen man ein Stück Normalität spürt. Im zweiten Lockdown habe ich gelernt, optimistisch zu bleiben: Am Ende jedes Tunnels ist auch ein Licht.

Die Autorin Anna Schütz ist 17 Jahre alt und besucht das Michael-Ende-Gymnasium in St. Tönis.