Volks-Chor Cäcilia Schaag hat sich nach 164 Jahren aufgelöst

Schaag : Das letzte Treffen des Volks-Chors

Der Volks-Chor Cäcilia Schaag hat sich aufgelöst. Schon seit Längerem hatte er an einem Mitgliederschwund gelitten.

Bevor Willi Penders die wichtigste Frage des Abends stellt, stockt seine Stimme. Er schluckt – und fragt: „Wer ist für die Auflösung des Vereins?“ 21 Personen heben ihre Hand. Einstimmigkeit, mit hängenden Köpfen. Die Auflösung des Volks-Chors Cäcilia Schaag ist laut dem Geschäftsführer damit beschlossene Sache.

1855 wurde die Gemeinschaft als reiner Männerchor gegründet, seit dem Jahr 1953 dürfen auch Frauen mitsingen. Die Mitglieder, die heute noch dabei sind, erinnern sich an goldene Zeiten, mit Auftritten in der Deutschlandhalle in Berlin, der Dortmunder Westfalenhalle und der Kölner Philharmonie. „Wer durfte dort schon auftreten?“, betont Josef Dickmanns. Seit 61 Jahren gehört er dem Chor an, davon 60 Jahre als Kassierer. Das sind mehr als 3000 Dienstagabende, an denen er zur Probe gegangen ist. Dass mal eine ausgefallen ist, habe es nur sehr selten gegeben, berichtet die zweite Vorsitzende Annette Ottow. Auch die 51-Jährige ist seit fast vier Jahrzehnten mit dem Chor verbunden. Was die beiden nun dienstagsabends machen, da es den Chor nicht mehr gibt? Ottow zuckt mit den Schultern. „Nix. Ende“, sagt Dickmanns.

Der Chor nahm einmal mitten im Sommer Weihnachtslieder auf

In seinen besten Zeiten hatte der Chor 104 Mitglieder, darunter rund 20 Jugendliche, sagt Ottow. Vor gut 15 Jahren war das. Damals gehörten die Schaager zu den fünf Menskes-Chören unter Leitung des Lobberichers Johannes Menskes (91). „Wir sind ein Laienchor, aber waren so gut geschult, dass uns andere für Profis gehalten haben“, sagt Ottow. Auch Johannes Herrig, Kirchenmusiker aus Grefrath, der den Chor vor zwölf Jahren als Dirigent von Menskes übernahm, sagt: „Man merkte die jahrelange Erfahrung der Mitglieder. Viele Dinge funktionierten einfach, ohne dass man viel zu erklären brauchte.“

Die goldenen Zeiten aber haben seiner Meinung nach mit zum heutigen Niedergang geführt: „Damals lief alles so gut, da brauchte man sich nicht groß um Nachwuchs kümmern.“ Irgendwann jedoch blieben – wie bei anderen Chören – die Neuzugänge plötzlich aus. Die bestehenden Mitglieder wurden älter, viele leben inzwischen nicht mehr. 22 aktive Mitglieder zählte der Chor zuletzt. „Die meisten sind 70 oder älter“, sagt Dickmanns. Die mit Abstand Jüngste ist Katharina Rösges (29): „Ich sollte vor zwei Jahren nur einspringen, aber es gefiel mir so gut, dass ich geblieben bin.“

Regina Rennen kichert bei der Erinnerung an mehr als 40 Jahre im Chor. Einmal haben die Mitglieder für eine CD Schlaflieder eingesungen. „Das war so einschläfernd“, sagt die 55-Jährige. Zudem dauerte zwischen den Liedern alles so lange, dass sie eine Tasse Kaffee nach der anderen trinken mussten, um wach zu bleiben. Ein anderes Mal haben sie für die Weihnachts-CD gesungen – in kurzen Hosen, mitten im Sommer. „Es war so heiß, dass die Harfe immer wieder verstimmt war“, sagt Rennen. Der Höhepunkt war die Jubiläumsfeier zum 150-jährigen Bestehen 2005. „Das war gigantisch“, sagt Ottow. „Für WDR4 haben wir ein Radiokonzert aufgenommen.“

Der Vorstand muss den Verein noch bei den Behörden abmelden

Dass der Chor überhaupt so lange bestanden habe, sei dem langjährigen Vorsitzenden Berto Lüthen zu verdanken, sagt Dickmanns: „Er hat alles zusammengehalten.“ Nach dessen Tod im Oktober 2018 stand fest: Es geht nicht mehr. „Der Dirigent muss ja auch bezahlt werden“, sagt Ottow – mit so wenigen Mitgliedern sei das nicht möglich. Penders: „Schade, dass eine so lange Tradition zu Ende geht.“

Jetzt muss der Vorstand die sogenannte Liquidation durchführen – unter anderem den Verein bei Finanzamt, Notar und Amtsgericht abmelden. Die Mitglieder stimmen ein letztes Lied an: „Nun leb’ wohl, du kleine Gasse“.

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