Thomas Höffner übernimmt die Arztpraxis von Hans Reinhard Pies in Nettetal-Kaldenkirchen

Kaldenkirchen : Arzt bei Suche nach Nachfolger erfolgreich

Landarzt Hans-Reinhard Pies kann seine Praxis übergeben – keine Selbstverständlichkeit.

Denkt ein Landarzt über den Ruhestand nach, steht meist eine langwierige Suche nach einem Nachfolger an. „Wenn hier auf dem Land ein Arzt aufhört, sind die Chancen gering, jemanden zu finden, der die Praxis weiterführt“, hat auch Hans-Reinhard Pies erfahren. Der Mediziner ist deshalb „mehr als erleichtert“, dass er nach längerer Suche Glück hatte: Wenn der 67-Jährige zum 30. Juni seine Tätigkeit als hausärztlicher Internist in Kaldenkirchen beendet, steht sein Nachfolger schon parat: Thomas Höffner, bislang als Arzt im Kreis Viersen tätig, übernimmt zum 1. Juli die Praxis an der Spitalstraße.

Am Rande der Innenstadt liegt die große Arztpraxis. Der modern anmutende Bau steht im Kontrast zur Landschaft nur wenige Schritte weiter: Felder, Gehöfte und Äcker. Wenn in solch einer Region ein Landarzt seine Praxis zur Übernahme anbiete, sei das Verhältnis von Angebot und Nachfrage geradezu grotesk, sagt Pies und verweist auf einschlägige Foren, etwa von kassenärztlichen Vereinigungen: „Da kommt auf zehn Anbieter ein Interessent.“

Offensichtlich bleiben viele Mediziner lieber in der Stadt, „und zwar möglichst angestellt, mit geregelter Freizeit“, analysiert Pies: „Manche wollten sich nicht einmal meine Praxis ansehen, als sie erfuhren, dass sie ländlich gelegen sei.“ Gerüchten, die Praxis könne unbesetzt bleiben und die anderen Ärzte müssten noch mehr Patienten versorgen, beugte Pies mit Flyern in seiner Praxis über die Nachfolge-Regelung vor.

Für Pies ist es ein beruhigendes Gefühl, dass Höffner übernimmt. „Es ist mir ja nicht egal, was aus meinen Patienten wird“, sagt er: „Einige kommen seit der Praxisgründung vor 31 Jahren zu mir, mit ihren Krankheiten, aber auch mit ihren Sorgen.“ Auch Sterbefälle gehören für ihn dazu. „An manchen Patienten, den man über Jahre kennengelernt hat, denkt man noch lange nach seinem Tod“, sagt er.

Patienten riefen im Ernstfall zunehmenden gleich den Notarzt

Höffner geht mit Zuversicht an seine neue Aufgabe heran: „Landarzt bin ich mit Leib und Seele“, sagt er. „Patienten auch durch Hausbesuche in ihrem Umfeld, bei ihrer Familie, zu behandeln, gehört für mich dazu.“ Der 53-Jährige weiß, dass ein zeitaufwändiger Job auf ihn wartet. „Das sind oft lange Tage, von morgens acht bis abends sechs, manchmal sieben Uhr, dazwischen nur eine kurze Mittagspause“, sagt Pies. Die Zahl der Haus- und Altenheimbesuche sei nicht mehr so hoch: „Früher wurde ich manchmal aus der Sprechstunde notfallmäßig zu einem Patienten gerufen, heute rufen die meisten im Ernstfall gleich den Notarzt.“

In den mehr als 30 Jahren, die er seine Praxis betreibt, habe sich viel geändert: Zeitaufwendiger seien Regelungen wie Qualitäts- und Hygienemanagement, zeitsparend die elektronische Datenverarbeitung. „Wir haben früh von Karteikarten auf EDV umgestellt“, sagt Pies. Das Prinzip von Nachhaltigkeit und Ökologie imponiert seinem Nachfolger. „Ich übernehme eine papierlose Praxis, das ist zukunftsorientiert“, sagt Höffner.

Für die Patienten wird manches anders, setzt doch jeder Arzt eigene Schwerpunkte. Bei Pies gehörten endoskopische Untersuchungen von Magen und Darm dazu. Höffner zählt als Beispiele Palliativmedizin, Lungenerkrankungen, Akupunktur und Chirotherapie auf. Auf die beiden Ärzte warten unterschiedliche Herausforderungen: Ruhestand für den einen mit mehr Zeit für Familie, Freunde und Golf, Neuanfang für den anderen mit wohl weniger Zeit für Familie, Sport und Klavierspielen.

Mehr von Westdeutsche Zeitung