Nettetal-Lobberich: Stiftung trennt sich vom Bongartzhof

Nettetal-Lobberich : Der Bongartzhof soll verkauft werden

Die Bongartzstiftung stimmt den Plänen der Stadt zu. Jetzt entscheidet der Kreisausschuss.

„Niemals“, hatte Maria Agnes Bongartz in ihrem Testament vom 1. Oktober 1896 verfügt, dürfe der „Ackerhof im Sassenfeld mit dazugehörenden Ländereien, Garten, Wiesen und Büschen (...) veräußert werden“, als sie ihr gesamtes Eigentum der Gemeinde Lobberich vermachte, damit diese in ihrem Wohnhaus Hochstraße 29 ein Waisen- und Erziehungshaus für katholische Mädchen einrichte.

Die Gemeinde akzeptierte nach ihrem Tod 1906 das Erbe, das der Stadt Nettetal heute zunehmend Kopfzerbrechen ob der Finanzen bereitet. Deshalb soll versucht werden, die Hofgebäude (Sassenfeld 160) zu verkaufen und die Erträge aus der Verpachtung von 30 Hektar Acker- und Wiesenflächen für bedürftige Kinder zu verwenden. Der Kindergarten der Bongartzstiftung soll ganz auf die Stadt übertragen werden. Diese Überlegungen der Verwaltung fanden uneingeschränkt Zustimmung beim Verwaltungsrat der Stiftung. Sie müssen nun noch vom Stadtrat am 6. November und vom Kreisausschuss des Kreistages Viersen gebilligt werden.

Das „Bongartzstift“ war als „Säuglingsheim“ über rund sechs Jahrzehnte in Lobberich ein Begriff. Da ein Waisenhaus nicht mehr die „gesellschaftliche Relevanz“ von einst aufwies, wie Bürgermeister Christian Wagner (CDU) formulierte, richtete die damals noch junge Stadt Nettetal in den 1970er-Jahren in dem Gebäude und einem modernen Anbau einen Kindergarten ein und änderte die Satzung der Stiftung entsprechend: Nur noch Kindergarten. Dieser ist 2010 in einen Neubau an der Mühlenstraße umgezogen und inzwischen schon von vier auf sechs Gruppen erweitert worden.

Ortsvorsteher Harald Post: „Einen Swingerclub wird es nicht geben“

Zur Finanzierung dieser „beliebten Kindertagesstätte“ trägt die Stiftung nur noch wenig bei. Rund 3,6 Millionen Euro hat die Stadt in den letzten zehn Jahren gezahlt, nur noch 40 000 Euro kommen als Pachtertrag von den Ländereien jährlich herein. Denn Heinz Schmitz, Pächter in der dritten Schmitz-Generation (seit 1903) und Bauherr eines Viehstalls auf eigene Kosten (seinerzeit 500 000 DM), gab vor dreieinhalb Jahren entnervt auf, weil die Stiftung die Gebäude verfallen ließ. Wagner räumte ein, dass keine Rücklagen gebildet wurden: „Die Stiftung hat von der Substanz gelebt.“ Doch Renovierungskosten von rund einer Million Euro kann sie jetzt auch nicht schultern. Und Pachtkosten von rund 50 000 Euro werde wohl niemand aufbringen, schätzt die Verwaltung.

Das „Niemals“ im Testament bezog sich einst auch auf andere Grundstücke/Häuser im Sassenfeld und im Flothend; von diesen hat sich die Stiftung in den 1970er Jahren getrennt, so dass Bürgermeister Wagner keinen eklatanten Verstoß gegen das Testament erkennen konnte: „Der Stiftungszweck ist aus dem Hof nicht mehr erfüllbar.“ Die Neukonstruktion führe zu einer Belastung der Stadt, da die geringen Erträge aus der Stiftung nun nicht mehr in den Kindergarten fließen, sondern einen neuen Verwendungszweck erhielten: Sorge für das Wohl der noch nicht schulpflichtigen Kinder entsprechend den Zielen des Sozialgesetzbuches Teil VIII.

Ortsvorsteher Harald Post hielt den Verkauf des Hofes und die Zweckänderung der Stiftung für sinnvoll: „Sie würden sicherlich den Absichten der Stifterin entsprechen.“

Bei der Auswahl des Käufers bat er, auf Seriosität zu achten. Dazu versicherte Wagner: „Es geht uns nicht um den Preis, sondern um das Gesamtkonzept des Kulturerbes.“ Zwei Millionen Euro und dann ein Swingerclub wie in Leuth – das werde nicht gehen.

(RP)
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