Kunst in Nettetal Künstlerkolonie in Hinsbeck - das Worpswede des Niederrheins

Nettetal · Zuletzt zog nur die Textilscheune noch kunstinteressierte Besucher an. Dabei war Hinsbeck, vor allem Hombergen, im vergangenen Jahrhundert eine Künstlerkolonie. Viele NS-Verfemte fanden dort Ruhe und Sicherheit. Eine Rückbesinnung.

Im Hinsbecker Dorfmuseum sind Bilder und Skulpturen aller Hinsbecker Künstler zu finden.

Im Hinsbecker Dorfmuseum sind Bilder und Skulpturen aller Hinsbecker Künstler zu finden.

Foto: Heinz Koch/heinz Koch

Der Kunstbereich im Dorfmuseum des VVV Hinsbeck zeigt es exemplarisch: Hinsbeck trägt zu Recht den Begriff „Worpswede des Niederrheins“. Schon lange fühlen sich Künstler in Hinsbeck wohl, loben die Arbeits- und Lichtverhältnisse und finden ihre Motive in der Natur. Auch wegen der NS-Verfolgungen im Zweiten Weltkrieg mit Arbeitsverbot suchten viele Düsseldorfer Künstler Unterschlupf in Hinsbeck. In einer 2013 vom VVV Hinsbeck erstellten Ausstellung konnten die Arbeiten von 25 Künstlern gezeigt werden.

Der früheste, heute noch bekannte Künstler aus Hinsbeck war Hubert Goltz (um 1470-1526) vom Goltzhof im Hombergen (heute Peter Beyen). Er arbeitete von 1495 bis 1526 als Maler in Venlo und war der Urgroßvater des berühmten, aus (Mühl-) Bracht stammenden Malers und Kupferstechers Hendrick Goltzius (1558-1616). Ein weiterer früher Künstler aus Hinsbeck war Wilhelm Glasmachers (1861-1897) aus der Hinsbecker Anstreicherfamilie Glasmachers, der in vielen Kirchen speziell für die Erstellung der Gesichter auf den Gemälden herangezogen wurde.

Ein im Ort bekannter Maler war Johann Omloy (1891-1946), der in den 1920/30er Jahren Hinsbeck in zahlreichen Motiven festhielt. Im Gegensatz zu den bisher Genannten bereiteten sich die Maler Heinz Tappeser (1888-1942) und Jupp Dors (1894-1963) durch künstlerische Ausbildungen auf ihre Karrieren vor. Noch heute finden ihre Arbeiten ein großes Publikum.

Während der NS-Zeit zogen sich viele, deren Arbeiten als „entartete Kunst“ deklariert worden waren, nach Hinsbeck zurück. Hierzu gehörte insbesondere Jupp Rübsam (1896-1976), ein bis dahin hoch angesehener Bildhauer. Er hatte 1928 in Düsseldorf ein Kriegerehrenmal erstellt, das, seiner pazifistischen Lebenseinstellung entsprechend, die Schrecken des Krieges zeigten. Dieses Ehrenmal wurde schon bald von den Militärs abgelehnt, später sogar abgebrochen und zerstört. Rübsams bis dahin angesehene Kunst wurde nun als „entartete Kunst“ eingestuft, er erhielt keine Aufträge mehr. In seiner Not zog er 1942 nach Hinsbeck zu seinem Freund Heinz Tappeser. Nach dessen Tod heiratete er die Witwe Ria, geb. Neufert. Hier auf dem Land fand er Ruhe und Freundschaften, etwa mit dem Hinsbecker Schäfer Peter Peeters, die ein Leben lang hielt. Nach dem Krieg wurde er rehabilitiert, erhielt wieder Staatsaufträge und wurde 1965 für sein Lebenswerk mit dem Bundesverdienstkreuz Erster Klasse ausgezeichnet.

Weitere Künstler, die sich im Weltkrieg nach Hinsbeck zurückzogen, waren der Zeichner Heinz Füsser (1898-1959) und seine Frau, die Bildhauerin Lieselotte Füsser (1905-1993). Während sich seine Frau künstlerisch zurückzog, um sich um die Karriere ihres Mannes zu kümmern, wurde Heinz Füsser durch seine Bildergeschichten und Karikaturen in der Presse weithin bekannt. Beide bildeten mit anderen, im Hombergen wohnenden Künstlern die überregional bekannte „Künstlergemeinschaft Hombergen“. Heinz Füsser, der seine Talente alljährlich beim Bau der Düsseldorfer Karnevalswagen intensiv ausleben konnte, starb 1959, als er beim Bau eines Wagens von der Leiter fiel.

Seine Frau Lieselotte wurde Kunsterzieherin am Werner-Jaeger-Gymnasium, am St.-Wolfhelm-Gymnasium in Waldniel und an der Comeniusschule in Lobberich. 1975 war sie Mitbegründerin des Hinsbecker Kunstkreises, der in der Scheune „Alt-Kämpken“, heute Textilmuseum, ihre Arbeiten zeigte.

Ebenfalls nach Hinsbeck-Hombergen zog 1946 der Vertriebene Harry Dolch (1907-1979). Zahlreiche Werke des studierten Bildhauers befinden sich heute an privaten und öffentlichen Gebäuden wie Schulen, Hallen und Kommunalgebäuden. Er arbeitete mit den unterschiedlichsten Materialien, überwiegend großformatig. Daneben war er auch in der Politik aktiv. 1970 wurde er in den Rat der Stadt Nettetal gewählt und war bis zu seinem Tod 1979 erster Ortsvorsteher Hinsbecks. Für seine Verdienste wurde ihm 1978 das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen.

Viele weitere konnten von ihrer Malerei nicht leben und gingen einem Hauptberuf nach. So Reinhard Schreckenberg (1902-1970), im Hauptberuf Rentmeister beim Grafen von Schaesberg auf Schloss Krickenbeck, der mit zartem Pinselstrich die Natur des Niederrheins festhielt. Oder der in Hinsbeck geborene Hans Schmitz (1909-1970), der schon in jungen Jahren das elterliche Anstreichergeschäft übernehmen und seine Leidenschaft, die Malerei, hintenanstellen musste. Der Kunsterzieher und Maler Jochen Wendt (1908-1993) kam 1946 als Vertriebener nach Hinsbeck-Glabbach. Neben seiner Anstellung als Kunsterzieher am Mercator-Gymnasium in Duisburg war er leidenschaftlicher Maler, dem die Natur seine Motive vorgaben.

Auch heute noch wohnen zahlreiche Bildhauer (Loni Kreuder, Benno Schmitz, Manfred Mangold) und Maler (Heinz Lanser, Florentine Plettscher) dort. Zu den Hinsbecker Künstlern zählen jedoch auch Glasmaler (Johannes Beeck) und Kunst-Fotografen (Willi Faahsen), deren Arbeiten weltweit bekannt sind.

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