Naturschutz in Nettetal Der frühe Schnitt ist für Insekten kontraproduktiv

Nettetal · Heinz Tüffers vom NABU Nettetal kritisiert das frühe Abmähen der blühenden Randstreifen an den Straßenrändern. Ihre Pflanzenvielfalt, die Insekten als Nahrung dient, gehe damit verloren.

Heinz Tüffers vom NABU Nettetal ärgert sich über den frühen Schnitt des Grüns an den Straßenrändern der Landstraßen, hier L373, vor oder in der Blüte. So entfallen wichtige Nahrungsquellen für Insekten.

Heinz Tüffers vom NABU Nettetal ärgert sich über den frühen Schnitt des Grüns an den Straßenrändern der Landstraßen, hier L373, vor oder in der Blüte. So entfallen wichtige Nahrungsquellen für Insekten.

Foto: Bianca Treffer

An der Krickenbecker Allee blüht es in den unterschiedlichsten Farben am Straßenrand. Wer in Richtung des Parkplatzes vor dem Infozentrum der Biologischen Station Krickenbecker Seen unterwegs ist, der fährt an Margarethen, Hahnenfuß, Wilder Möhre, Wiesenkerbel, Schöllkraut, Ehrenpreis, Lichtnelken, Knoblauchrauke und weiteren Pflanzen vorbei, deren Blüten in den verschiedensten Farben erstrahlen. Überall sind Insekten zu sehen, die von Blüte zu Blüte unterwegs sind. Ein Stückchen weiter sieht das Bild indes ganz anders aus. Der Radweg an der Hinsbecker Straße (L373) bis zur B221 ist komplett abgemäht. Statt bunter Blühfläche ist es lediglich kurz geschnittenes Grün.

„Wir nehmen Insekten das weg, was sie brauchen“, prangert Heinz Tüffers vom NABU Nettetal an. Mit den blühenden Randstreifen entlang der Straßen könne Insekten so viel Gutes getan werden, fügt der Gründer vom NABU Naturschutzhof in Nettetal an. Doch was er immer wieder erlebe, sei völlig kontraproduktiv. Es mache keinen Sinn, die Flächen so früh im Jahr zu schneiden, wenn viele Pflanzen blühen würden oder kurz vor der Blüte stünden. Mit dem frühen Schneiden werde den Insekten eine Nahrungsquelle genommen und damit eine Nahrungskette unterbrochen, die ganz am Anfang steht. Tiere wie Vögel und Fledermäuse, die sich von Insekten ernähren, finden keine ausreichende Nahrung.

Das wirkt sich auf deren Fortbestand genauso fort, denn sie können ihre Jungtiere nicht entsprechend versorgen. „Wir merken es selbst auf dem Naturschutzhof, dass uns die Spatzen fehlen. Früher gab es sie in Massen. Jetzt sind so gut wie keine mehr da“, sagt Tüffers. Etwas, das nicht nur für die Haus- und Gartensperlinge gilt. Goldammer, Dompfaff, Pirol, Nachtigall – es sind alles Vögel die man nahezu nicht mehr sieht. „Es ist klar, dass das Grün an Kreuzungen und dergleichen aus Verkehrssicherheitsgründen geschnitten werden muss. Aber warum werden kilometerlange Strecken an Straßen und Radwegen so früh abmäht? Dort stellt das Grün keine Gefährdung da“, sagt Tüffers.

An den Pietsches Kuhlen gibt es so einen rund 400 Meter langen Streifen mit Blutweiderich. Kommt er zum Blühen, diene er Hunderten von Schmetterlingen als Nahrung. Abgemäht ist er für die Schmetterlinge wertlos. Die Stadt Nettetal hat die Zeichen der Zeit erkannt. Sie zeigt, dass es bei den Straßen, für die sie verantwortlich ist, auch anders geht. „Zuletzt im Rahmen des Labeling Verfahrens und der Rezertifzierung zum Thema ,Stadtgrün Naturnah’ haben wir uns als Stadt selbst verpflichtet, bei diesem Thema unsere Verantwortung für den Erhalt und die Förderung der Biodiversität wahrzunehmen. Hierzu dienen fein abgestimmte Mähkonzepte für alle verschiedenen Aufgabenbereiche und Standorte. Wir sind da, was die Differenzierung von Mähhäufigkeiten und die Geräteausstattung angeht, gut aufgestellt“, teilt Jan van der Velden von der Pressestelle der Stadt Nettetal mit.

Die Bankettpflege im Außenbereich hat die Stadt Nettetal in den letzten Jahren mit der ersten Mahd erst um den 15. Juni begonnen. Vorgezogen werden allerdings Gefahrenpunkte wie unter anderem Sichtdreiecke, Böschungen und schwer einsehbare Grundstückszufahrten. Eine Ausnahme könnte es in diesem Jahr geben. „Ob wir dieses Jahr den Termin Mitte Juni halten können, muss noch mit dem Baubetriebshof besprochen werden. Die feuchte Witterung und der starke Grasaufwuchs könnten in diesem Jahr ein Vorziehen der Mahd erzwingen“, teilt van der Velden mit. Vor dem Hintergrund, dass für die Durchführung des kompletten Mähdurchganges circa vier bis sechs Wochen benötigt werden, kann es zur Folge haben, dass einige Wegeränder erst Ende Juli zum ersten Mal geschnitten werden.

„Ein mähfreier Monat Mai wäre aus Gründen zu erwartender Verkehrsgefährdungen durch hochaufgewachsenes Gras in Sichtbereichen nicht vertretbar. Auch legt sich hohes Gras auf die Radwege nieder, wodurch die Breiten erheblich reduziert werden“, sagt indes Julia Vieth, Pressestelle Kreis Viersen. Beim Frühjahrsgrasschnitt würden aber nur die für die Verkehrssicherheit notwendigen Bereiche wie Sichtdreiecke an Einmündungen und Verkehrsinseln gemäht. Die Außenbereiche würden zum Schutz der Insekten, zur Förderung der Artenvielfalt und des Blütenwachstums dabei speziell ausgespart. Der Kreis versuche, die Mähfläche so gering wie möglich zu halten, fügt sie an.

„Der Grasschnitt im sogenannten Intensivbereich, also im Grünbereich direkt neben der Fahrbahn, dient der Verkehrssicherheit. Hierbei werden Leiteinrichtungen wie Leitpfosten, Fahrbahnteiler, Verkehrsschilder und so weiter freigehalten. Des Weiteren dient der Grasschnitt im Intensivbereich der Gewährleistung des Wasserabflusses von der Fahrbahn in die Entwässerungsanlagen. Hierzu ist unter Umständen auch das ,Ausmähen’ von Gräben und Entwässerungsmulden erforderlich“, heißt es von Seiten der Zentralen Kommunikation von Straßen NRW. Von Rücksichtnahme sei bei Straßen NRW nichts festzustellen, bemerkt Tüffers sichtlich enttäuscht.

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