Auf dem Naturschutzhof Nettetal zeigt eine Kamera das Innere eines Nistkastens

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Am Naturschutzhof gibt es einen Nistkasten mit Kamera. So soll jeder Vögel aus der Nähe beobachten können.

Die Küken sperren ihre Schnäbel weit auf, wenn die Mutter ins Nest zurückkehrt. Es ist Fütterungszeit. Danach setzt sich das Meisen-Weibchen behutsam auf die Kleinen, die Federn am Bauch sind aufgeplustert. Zwei Wochen hat es etwa gedauert, bis die kleinen Vögel aus den Eiern geschlüpft waren. Den gesamten Prozess konnten Interessierte in einem Nistkasten am Nabu-Naturschutzhof im Sassenfeld mitverfolgen, und auch beim Aufwachsen können sie den Küken zusehen. Ganz nah dran sein, ohne zu stören – das geht mit einer sogenannten Bird-Cam. Ein 24-Jähriger Informatikstudent, der langjähriges Mitglied des Naturschutzbundes ist und sich „Logazer“ nennt, hat das Projekt ins Leben gerufen.

„Ich habe schon immer gerne Tiere beobachtet, besonders gern Vogelnester“, sagt Logazer, der seit 2017 an der Bird-Cam tüftelt. „Aber wer kann sich schon Tag und Nacht auf die Lauer legen?“ Er machte sich auf die Suche – doch eine fertige Lösung, die seinen Vorstellungen entsprach, fand er nicht. Denn: „Wichtig war mir, nicht einfach eine Überwachungskamera zu haben, die rund um die Uhr Material anhäuft, sondern nur aufnimmt, wenn es etwas zu sehen gibt.“ Eine weitere Anforderung: Er wollte stets an die Technik gelangen können, ohne die Tiere zu stören. „Das habe ich mittels eines Schubfachs realisiert und in der Form auch nirgendwo sonst gesehen.“ „Wir verkaufen insgesamt 120 bis 150 Kästen im Jahr“, sagt Heinz Tüffers. Der 81-Jährige ist seit mehr als 30 Jahren im Naturschutz aktiv und hat den Naturschutzhof mitgegründet.

Heinz Tüffers vom Naturschutzhof Nettetal zeigt einen Nistkasten für Meisen. Foto: Julia Esch

Fledermäuse, Hummeln, Eulen, Spatzen und Meisen: Für diese und noch viele weitere Tiere bekommt man im Sassenfeld den passenden Unterschlupf. Doch wenn so ein Holzkästchen im Garten oder am Haus hängt – was passiert da drin?

Vergangenes Jahr war nur eine Hummel ins Häuschen gezogen

Nachdem im vergangenen Jahr kein Vogel, sondern eine Hummel in das Häuschen einzog, hieß es abwarten. Doch dieses Jahr war es soweit: Sieben Eier lagen im Nest. Und die Bird-Cam dokumentierte das Schlüpfen und Aufwachsen der jungen Meisen, bis sie richtig fliegen konnten und ihr Nest verließen.

Das Besondere: Es entstanden nur Aufnahmen, wenn sich im Kasten wirklich was tat, nicht bei jeder Bewegung eines Vogels oder rund um die Uhr. Logazers Ziel: „Ich lege besonderen Wert darauf, dass es möglich wird, das ganze selbst nachzubauen, und nach Belieben und Können anzupassen und zu verbessern.“ Daher setze er auf Open-Source-Soft- und -Hardware – also ein frei zur Verfügung stehendes Programm und frei zugängliche Technik. Der 24-Jährige plant, einen Bausatz zu entwerfen, der verkauft werden kann. Profit wolle er mit seiner Entwicklung aber nicht machen, sagt Logazer. In näherer Zukunft soll zunächst die Anleitung zum Nachbauen kommen: „Die Veröffentlichung steht noch aus, ich möchte erst einmal alles aufbereiten, das folgt dann auf der Seite zur Bird-Cam.“

Die Technik befinde sich im Prototypenstadium und die Software müsse noch benutzerfreundlicher gestaltet werden. Auch im Sassenfeld sollen weitere Kästen mit Kamera folgen – nicht nur für Vögel.

Den Naturschutzhof würden vor allem viele Familien mit Kindern und Schulklassen besuchen, sagt Tüffers: „Hier können sie sehen, wie die Natur funktioniert.“ Herzstück des Nistkastens mit Kamera ist ein „Raspberry Pi“, ein im Grunde vollwertiger kleiner Computer. Zwischen fünf und 15 Euro kostet ein Modell des Einplatinencomputers. Das Projekt soll sich besonders an Einsteiger und junge Menschen richten, die spielerisch nicht nur an die Bedienung, sondern auch Programmierung und das tiefere Verständnis für Computer herangeführt werden sollen.

Dies sei ein ein positiver und wichtiger Nebeneffekt: Beim Bau der Bird-Cam lernen die Menschen zusätzlich die Technik kennen, die an vielen anderen Stellen im Alltag zum Einsatz kommt, sagt der Informatikstudent: „Dieses Projekt soll neben dem eigentlichen Ziel, Tierbeobachtung im eigenen Garten einfacher zugänglich zu machen, auch Werte vermitteln, die sonst etwas zu kurz kommen.“ Die Bird-Cam sei aus Komponenten zusammengesetzt, die offen zugänglich sind, und das Programm kann angepasst werden. Auch die Internetverbindung sei sicherer als bei anderen konventionellen Lösungen auf dem Markt.

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