Andreas Grefen ist Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Kaldenkirchen

Nettetal : „Das Berufsbild des Pfarrers hat sich ziemlich verändert“

Andreas Grefen leitet die evangelische Kirchengemeinde Kaldenkirchen – und geht in seiner Rolle voll auf.

So klein ist die Kirche, dass sie glatt noch als Kapelle durchginge. Doch trotz ihrer geringen Größe ist sie für Andreas Grefen ein beeindruckendes Gotteshaus. Hierin, so sagt der Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Kaldenkirchen, zu der auch Leuth gehört, schätze er besonders die Stille: „Man kommt hier zur Ruhe, hier spürt man etwas, das ich durchaus als Gottesnähe verstehe, hier kann man Kraft tanken.“ Und Kraft braucht er, für die Arbeit in seiner Gemeinde – und für die Herausforderungen in der Kirche, die vor einer ungewissen Zukunft steht.

„Ich bin gerne Pfarrer, wobei sich das Berufsbild in den vergangenen Jahrzehnten ziemlich verändert hat“, analysiert Grefen. Als er Ende der 1980er-Jahre seine erste Pfarrerstelle in Tönisheide, einem Ortsteil von Velbert, antrat, sei sein Beruf eine Männerdomäne gewesen, Pfarrerinnen waren selten. „Heute müsste man eine Männerquote einführen“, scherzt der 60-Jährige. Er lächelt häufig, spricht ruhig, reckt sich mitunter, wiegt den Kopf hin und her. Während früher die Pfarrer angesehene Persönlichkeiten waren, fährt er fort, und die Kirche eine feste gesellschaftliche Institution, habe vor allem in Städten die Wertschätzung abgenommen. „Auf dem Land, auch bei uns am Niederrhein, ist diese Entwicklung nicht so stark“, sagt er.

Ein Pfarrer gilt also noch etwas in Nettetal, sein Wort hat durchaus Gewicht auch außerhalb der Gemeinde. Grefen führt als Beispiel dafür die regelmäßigen Treffen des Bürgermeisters mit den katholischen und evangelischen Pfarrern an, dabei tausche man sich aus über Themen wie Bestattungskultur, Schulen oder Sozialarbeit. „Wir Seelsorger sind ja dran an den Menschen, das ist schließlich unsere Hauptaufgabe“, sagt er. Deshalb sei er auch Pfarrer geworden, „um die Frohe Botschaft den Menschen nahezubringen, sie zu begleiten durch ihr Leben“.

Auch wenn der Glauben im Leben vieler Menschen keine große Rolle mehr spiele, in bestimmten Lebensphasen sei die Kirche mit ihren Segnungen doch nach wie vor gefragt. Grefen nennt als Beispiele Geburt und Taufe, Einschulung und Konfirmation, Heirat oder auch Krankheit. „Die Jugendarbeit wird bei uns besonders großgeschrieben“, hebt der Pfarrer hervor.

Wie sehr kirchliche Jugendarbeit einen fürs Leben prägen kann, hat er selbst erfahren. Der gebürtige Essener stammt aus einer katholischen Familie, nutzte als Junge die Freizeitangebote der evangelischen Jugendarbeit, war begeistert vom Christlichen Verein Junger Menschen – und konvertierte schließlich, studierte evangelische Theologie, um Pfarrer zu werden. In Sachen Ökumene ist er also gleichsam familiär vorbelastet – und wohl auch deshalb froh, dass seine Gemeinde mit der katholischen Kirchengemeinde St. Clemens „gut harmoniert“. Es gebe gemeinsame Veranstaltungen und Gottesdienste, und das wöchentliche ökumenische Friedensgebet sei fester Bestandteil des Gemeindelebens.

Was beide Konfessionen bewege, seien die großen Umbrüche, weil die Zahl der Kirchenbesucher ebenso zurückgehe wie der Pfarrernachwuchs. „Ein katholischer Pfarrer ist heute für mehrere Gemeinden zuständig, diese Entwicklung bahnt sich auch in unserer evangelischen Kirche an.“

Immerhin sei seine Gemeinde mit vielen engagierten Ehrenamtlern noch gut aufgestellt, zu den Sonntagsgottesdiensten kommen rund 70 Gemeindemitglieder. Neben der eigentlichen Gemeindearbeit ist Grefen Synodalbeauftragter für das christliche-jüdische Gespräch. „Das liegt mir sehr am Herzen, Jesus war auch Jude, im Judentum liegt die Wurzel unseres christlichen Glaubens“, sagt er.

So bleibt ihm wenig Zeit für ruhige Abende auf der Terrasse oder Hobbys. Umso dankbarer ist Grefen für jede Minute in der kleinen Hofkirche, ob beim Gottesdienst oder für ein Gebet. „Wenn die Sonne unsere schönen Kirchenfenster leuchten lässt, das wirkt geradezu himmlisch“, sagt er.

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