Revitalisierung: Kloake Niers wurde lebendiges Flüsschen

Revitalisierung: Kloake Niers wurde lebendiges Flüsschen

Ein Abwasserkanal ist die Niers längst nicht mehr. An vielen Stellen fließt sie wieder naturnah.

Kreis Viersen. Jahrzehntelang war sie ein Kanal für Abwasser. Ein schmuckloses Rinnsaal, das eher an eine Kloake erinnerte als an ein lebendiges Flüsschen. In den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts war damit begonnen worden, die Niers zu begradigen, den Transport von Abwasser zu erleichtern. In den 80ern setzte ein Umdenken ein.

Foto: Niersverband

Sie sollte wieder natürlich fließen, so als ob sie nie reguliert worden sei. Die Vorstellung der Renaturierung führte dazu, dass in der Nähe des Nierssees eine Art natürliches Bett entstand, dass alte Arme des Flusses wieder geöffnet wurden, etwa in der Nähe der Burg Uda in Oedt. Gut 25 Jahre weiter heißt das Projekt nicht mehr Renaturierung, sondern Revitalisierung. Und für den ganzen Bereich der Niers existiert ein Masterplan.

„Wir können nicht dem gesamten Fluss ein breiteres Bett bauen“, erklärt Dr. Wilfried Manheller, Abteilungsleiter Gewässer und Labor beim Niersverband. „Ein rein naturgeprägtes Gewässer kann es nicht geben.“ Was damit zu tun hat, dass die Niers Abwasser aufnehmen muss, viel Abwasser. Aus den Kanälen in den Städten geht dieses in die Kläranlagen und dann in den Fluss. Ebenso wie das Regenwasser. „Wir versuchen, dem Gewässer Platz zu verschaffen“, sagt der Niersverbands-Experte.

Manheller verweist auf ein großartiges Projekt im Fritzbruch bei Süchteln. Hier wird eine Aue entstehen, wie sie vor Jahrhunderten am Niederrhein völlig üblich war. Wenn das Projekt fertig ist, wird dort ein feuchtes Naturschutzgebiet entstehen, mit einem Flussabschnitt, der sehr natürlich wirkt. Das Schöne: Wanderer und Fußgänger können das Areal von einer Brücke aus einsehen. Und es ist jede Menge Platz, wenn mal über die Maßen so viel Regen fallen sollte, dass die Kanalisation es nicht mehr packt.

„Hier kann sich die Natur entwickeln und das Rückhaltebecken liegt eben nicht ein Großteil des Jahres trocken“, freut sich Manheller. Das gebe auch der Tierwelt die Gelegenheit, sich anzusiedeln. „Das ist zum Beispiel ein gutes Terrain für Watvögel“, sagt Jörg Langner vom Fachbereich Gewässer beim Niersverband.

Anders als noch in den 90er Jahren gedacht, bekommt die Niers in ihrem Verlauf Richtung Niederlande zwar an einigen Stellen viel Platz, aber eben nicht überall. „An ’erweiterten’ Stellen, wie etwa den Burgbenden bei Oedt, können sich Tiere ansiedeln“, erläutert Langner. Da mache es dann nicht mehr so viel aus, wenn es dazwischen nach wie vor die schnurgeraden Abschnitte gibt. Diese werden übrigens bisweilen durch künstliche Hindernisse in Ufernähe unterbrochen, die z.B. den Wasserfluss verlangsamen, eine Art Renaturierung im Kleinen. „Trittsteine“ nennt der Fachmann so etwas.

Der Erfolg hat sich in den vergangenen Jahrzehnten bereits eingestellt. So ist eine Tierart zurückgekehrt, die ebenso spektakulär wie manchmal problematisch sein kann: der Biber. Er ist von der Niersmündung in die Maas den Fluss hinaufgewandert und an einigen Stellen heimisch geworden.

„Wir haben ihn sogar schon am Nierssee beobachtet“, sagt Langner. „Er baut zwar keine Dämme, aber seine Burgen“, erklärt Manheller. Dabei macht er das, was seine Spezies eben so macht: Er knabbert Bäume an. „Wenn er aber dabei gestört wird, geht er einfach. Zurück bleibt ein Baum, der womöglich kurz vor dem Umfallen ist“, so Manheller.

Mittlerweile beschäftigt der Niersverband vier Baumkontrolleure, die die 112 Kilometer von der Quelle bis zur Mündung regelmäßig abgehen. „Besonders zum Schutz der Kanufahrer“, ergänzt Langner.

Zurück zur Tier- und Pflanzenwelt. 30 Fischarten leben in der Niers, dazu zählt unter anderem der Hecht. Die Wasserqualität ist gut, wenngleich der Fluss natürlich nicht mit einem Gebirgsbach zu vergleichen sei. „Sie fließt langsam, nimmt deshalb auch wenig Sauerstoff auf“, sagt Langner. Bis Ende der 90er Jahre wäre die gestiegene Vitalität vielleicht auch für Tierschützen ein Grund gewesen, zu feiern. Dann aber kam eine neue europäische Richtlinie für Gewässerqualität.

„Dabei ist entscheidend, dass beispielsweise auch die richtigen Tiere da sind“, sagt Manheller. Und das ist (noch) nicht der Fall. So gilt die Niers als Vorrang-Gewässer für Aale. Ja, es gibt sie, aber heimisch sind sie nicht, noch nicht. „Der Aal muss die Niers ja erstmal erreichen“, sagt Langner. In dem alten Bewertungssystem läge die Niers jetzt schon ziemlich gut. Die Artenzusammensetzung sei für das neue Bewertungssystem nicht die richtige. „Aber wir freuen uns trotzdem“.

Gibt’s ausgesprochene Exoten, die hier leben? „Ja, manchmal überlebt eine ausgesetzte Schnappschildkröte. Die gehört nun wirklich nicht in unsere Landschaft.“ Die werde nach menschlichem Ermessen auch nicht heimisch. Ganz im Gegensatz zum Nutria.

Dieses Pelztier kam ursprünglich nicht vom Niederrhein, ist aber zum ganz gewöhnlichen Mitbewohner geworden. Und auch der amerikanische Flusskrebs ist unaufhaltsam auf dem Vormarsch. Er macht allerdings seinen heimischen Artgenossen Probleme mit einer Krankheit, gegen die er selbst immun ist.

Wie setzt sich das Wasser der Niers zusammen? Die Quelle, die in einem Ziegenstall im Örtchen Kuckum (das ist heute ein Stadtteil von Erkelenz) gelegen haben soll, ist längst versiegt.

Zu Beginn versorgt Braunkohle-Buddler RWE-Power (früher: Rheinbraun) das Flüsschen mit Wasser.

Hinzu kommen Bäche und die Entwässerungs-Gräben aus den Feldern. In Neuwerk hat die Niers ein Drittel eigenes Wasser und zwei Drittel Abwasser. Im Norden, vor der holländischen Grenze, ist es umgekehrt.

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