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„Wir dürfen diese Menschen nicht allein lassen“

„Wir dürfen diese Menschen nicht allein lassen“

Viele spontane Hilfsangebote für Flüchtlinge gab es gestern an der Rollenden Redaktion in St. Hubert. Doch auch Ängste gibt es im Ort.

St. Hubert. Was kann man für die Menschen tun, die vor Krieg und Elend nach Deutschland geflohen sind? Vor dem Hintergrund der anstehenden Unterbringung von Flüchtlingen in der Johannes-Hubertus-Schule ist diese Frage gestern auf dem Wochenmarkt in St. Hubert an der „Rollenden Redaktion“ der WZ diskutiert worden.

In der Johannes-Hubertus-Schule sollen 40 bis 60 untergebracht werden.
In der Johannes-Hubertus-Schule sollen 40 bis 60 untergebracht werden. Foto: Kurt Lübke

Manfred Schenk begrüßt die zahlreichen Aktivitäten in der Stadt, die gemacht werden, um die Flüchtlinge gut aufzunehmen. Er sei selbst „Vertriebener“ und in den 50er Jahren über Berlin aus dem Osten in den Westen gekommen. „Ich weiß, wie es ist, wenn einem Hilfe zuteilwird.“ Auch die Unterbringung in der Hubertus-Schule findet er richtig. Alternativen wie Turnhallen seien einfach nicht würdig.

Joachim Lasch kann sich vorstellen, eine Patenschaft für einen Flüchtling oder eine Familie zu übernehmen. „Wir dürfen diese Menschen nun nicht alleine lassen. Das ist unsere Pflicht.“

Hans-Willi Joppen gibt Deutschunterricht. 15 bis 20 Flüchtlinge lernen bei dem ehemaligen Englischlehrer nun Deutsch. Die Schüler seien sehr motiviert und saugten alles förmlich auf. „Die Sprache ist für die Integration das A und O“, sagt Joppen.

Wolfgang Büscher findet, dass man, wenn man sich über Flüchtlinge wundert, immer auch die andere Seite sehen muss. Zum Beispiel, wenn Bürger die Flüchtlinge vor dem Edeka-Markt staunen, sollte man bedenken, dass die Menschen einen langen Fußweg in Kauf nehmen müssen, um dort hinzukommen. Auch vom Werbe- und Bürgerring könne man sich einbringen. „Dazu brauchen wir Informationen“, so Büscher.

Heinrich Poeth stellt fest, dass die Unterbringung von Flüchtlingen bei St. Hubertern Fragen aufwerfe. „Die Leute wundern sich, dass es immer wieder St. Hubert sein muss“, so Poeth. Er schlägt vor, in den Unterkünften WLAN anzubieten, damit die Flüchtlinge auch von dort aus nach Hause telefonieren können. Auch einen Fahrdienst in den Ort schlägt er vor.

Sabine Spires, deren Mann Engländer ist, wünscht sich einen stärkeren interkulturellen Austausch. Ihrer Meinung nach „haben nicht nur wir etwas zu geben, sondern auch die Menschen, die hierhergekommen sind“. Ihr schwebt einmal wöchentlich ein Treffen mit Flüchtlingen vor, die in der Johannes-Hubertus-Schule untergebracht werden. Die Furcht der St. Huberter vor den „Fremden“ bekommt sie zu spüren. „Man sieht manchmal, dass Leute die Straßenseite wechseln“, so Spires. Sie rät, „die Angst durch stärkeren Kontakt zueinander abzubauen“.

„Manche nehmen die Flüchtlinge als Belastung, andere als Bereicherung an“, lässt Jeyaratnam Caniceus, Grüner Ratsherr und Kreistagsabgeordneter, per E-Mail wissen. Ganz viele seien auch hilfsbereit. Es müsse auch einmal darüber berichtet werden, wie wichtig sie für die Gesellschaft werden können.

Ein pakistanischer Flüchtling, der gerade von einem Deutschkurs der evangelischen Gustav-Adolph-Kirche kommt, äußert sich ebenfalls zur derzeitigen Situation. Er hat seit seiner Ankunft in Deutschland häufig gemerkt, wie schwer es ist, das Vertrauen zu den Bürgern aufzubauen. Für ihn ist Deutschland „das perfekte Land in der EU“. Dadurch sei es für die Deutschen jedoch schwer, sich in die Leute aus fremden Ländern hineinzuversetzen. Aus diesem Grund wünscht er sich mehr Empathie und Wertschätzung.

Eine St. Huberterin, die namentlich nicht erwähnt werden möchte, vertritt die Ansicht, dass „in den Ländern, aus denen die Flüchtlinge kommen, mehr Aufklärung nötig ist“. „Die bekommen von den Schleppern das Paradies versprochen und fallen auf die Versprechungen rein“, sagte sie. Außerdem stellte sie fest, dass „die Situation hier nicht so ist, wie sie in den Ländern dargestellt wird“.

Ingeborg Hoppe möchte sich gerne für die Flüchtlinge engagieren. „Das Problem: Ich spreche kein Englisch“, sagt sie. Das sei natürlich eine große Barriere. Vorstellen könne sie sich gemeinsame Aktionen mit Kindern, so etwa Ausflüge in den Krefelder Zoo.

Klaus Jansen empfindet es als „Frechheit“, dass die Hubertus-Schule zur Flüchtlingsunterkunft gemacht werde. St. Hubert habe genug Probleme durch die vielen Flüchtlinge aus der Via Stenden. Dabei handele es sich überwiegend um junge Leute, die im Ort in größeren Gruppen aufträten - zum Beispiel vor dem „Edeka“. „Das macht älteren Menschen Angst“, sagt Jansen.

Ebenfalls zum WZ-Mobil gekommen sind Dezernent Michael Klee und Uwe Brandstaedt vom Amt für Soziales und Senioren. „Ich möchte die Stimmung hier selbst mitbekommen“, sagt Klee und spricht von „großen Herausforderungen“ durch den Flüchtlingsstrom: „Erst heute wurden uns wieder fünf Menschen zugewiesen.“ Uwe Brandstaedt berichtet von vielen negativen Anrufen, die in seiner Behörde ankommen.