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Wilhelm-Grobben-Straße in Kempen: Das müssen Sie vor Dienstag wissen

Kempen : Wilhelm-Grobben-Straße: Das müssen Sie vor Dienstag wissen

Soll die Straße wegen der NS-Vergangenheit des anerkannten Heimatdichters umbenannt werden? Das sollen die Politiker in der Sitzung des Hauptausschusses final entscheiden. Eine Analyse mit acht Fragen und acht Antworten.

Im Kulturausschuss am 7. November war es denkbar knapp. Mit 8:7 stimmten die Fraktionen für den Beschlussvorschlag der Verwaltung, die Wilhelm-Grobben-Straße umzubenennen. Auf Antrag des Bürgers Hubert Baumgart kam es zu der Debatte, weil der anerkannte Heimatdichter Grobben eben auch ein führender Nationalsozialist in Kempen war. So war der damalige Leiter der Kempener Hilfsschule unter anderem Ortsgruppenleiter der Hitler-Partei NSDAP und auch Kreiskulturwart. Am kommenden Dienstag soll nun der Haupt- und Finanzausschuss die endgültige Entscheidung darüber treffen, ob der Name Wilhelm Grobben aus dem Kempener Straßenbild verschwinden soll oder nicht. Acht Fragen und acht Antworten vor der Sitzung am Dienstag um 18 Uhr im Rathaus.

Wie ist die Nazi-Vergangenheit von Wilhelm Grobben, der 1944 an einer Erkrankung gestorben ist, einzuschätzen?

Dazu hat der Kempener Historiker Hans Kaiser eine Expertise verfasst, auf die sich nun auch die Stadt Kempen stützt. Kaiser bezeichnet Grobben in seinem Buch „Kempen unterm Hakenkreuz“ nicht als Mitläufer, sondern als überzeugten Nationalsozialisten. Grobben hatte als „Kriegsfreiwilliger mit Hingabe am Ersten Weltkrieg“ teilgenommen. Die Niederlage Deutschlands, das Erlebnis der schlimmen Kämpfe in den Schützengräben und eine Beinamputation sollen Grobben tief geprägt und „verbittert“ haben.

1925 wurde Grobben Leiter der Kempener Hilfsschule. Laut Kaiser gehörte er der katholischen Zentrumspartei an; am 1. März 1932 sei er dem rechtsradikalen Stahlhelm beigetreten. „Wie viele Stahlhelm-Mitglieder fängt er an, Adolf Hitler als Leitfigur zu begreifen. Dieser Führer muss ihm als Sprachrohr der um den Sieg betrogenen Generation des Ersten Weltkriegs erschienen sein“, schreibt Kaiser.

Nach der Machtergreifung der Nazis 1933 wurde Wilhelm Grobben Mitglied der NSDAP. Im kulturellen Bereich füllte er diverse Posten aus. Ortsgruppenleiter der Hitler-Partei war er 20 Monate lang (1937/38). Laut Hans Kaiser ist Grobben als „Patriot zum Nationalsozialismus gekommen“. Er bezeichnet den Mundartdichter als „in führender Position recht moderat“. Kaiser: „Wir müssen Grobben abnehmen, dass er – aus seiner Sicht – für sein Volk nur das Beste gewollt hat.“

Allerdings soll Grobben auch „überzeugter Verfechter der nationalsozialistischen Rassenlehre“ gewesen sein. So habe er sich in Lichtbildvorträgen dafür stark gemacht, „Erbkranke – also Schwachsinnige, Epileptiker, Mongoloide, psychisch Kranke, Spastiker und erbliche Krüppel – sterilisieren zu lassen“.

Im Fazit des Grobben-Kapitels von Hans Kaiser heißt es dann: „Es ist schwer, Wilhelm Grobben gerecht zu werden. Hier ist Verschiedenes zusammengestellt worden, das teils für, teils gegen ihn zu sprechen scheint. Der Leser möge sich seine Meinung selbst bilden.“ In der Sitzung des Kulturausschusses erwähnte Kaiser zudem, dass sich Grobben kurz vor seinem Tod 1944 von der Ideologie der Nazis abgewandt habe. Zumindest finde man in seinen Werken eine ablehnende Haltung zum Krieg.

Wie ist die Bedeutung der literarischen Werke Grobbens einzuschätzen?

Aus lokaler Sicht war die Bedeutung von Grobbens Lyrik in den vergangenen Jahrzehnten hoch. Aus den Aufzeichnungen des Vereins Linker Niederrhein (VLN) geht hervor, dass das Werk Grobbens bei vielen Anlässen gewürdigt worden ist. Zum Beispiel gab es 1995 eine Mundart-Veranstaltung anlässlich des 100. Geburtstags von Grobben. Damals trug auch Bürgermeister Karl-Heinz Hermans Grobben-Gedichte über Kempen vor. Das bekannteste Gedicht des Lyrikers ist „Min Kempe“. Der VLN, dessen Vorsitzender Grobben einst war, hat wegen der Verdienste des Schreibers eine Gedenktafel an seinem Geburtshaus an der Peterstraße anbringen lassen.

Ebenso hat Grobben aber auch für die Nazis literarisch gearbeitet. Das wurde im Kulturausschuss von Heinz Wiegers (SPD) ausgeführt. Grobben ist für seine Arbeit auch mit Preisen ausgezeichnet worden. So zum Beispiel mit dem „Goldenen Spatz“. Dieser wiederum geht aber auf eine Idee des Propagandaministers Joseph Goebbels zurück. Außerdem durften an diesem Wettbewerb nur Nationalsozialisten teilnehmen, so Wiegers.

Wieso gibt es die Wilhelm-Grobben-Straße eigentlich?

Die Straße, die im Bereich der Wohnstraßen „Am Schlehdorn“ und „Ginsterweg“ ist, wurde 1964 nach Wilhelm Grobben benannt. Damals gab es einen Antrag der CDU, die die Verdienste Grobbens um die Mundart und seine Heimat Kempen würdigen wollte. Mit zehn Stimmen der CDU wurde der Antrag angenommen. Es gab eine Gegenstimme und sechs Enthaltungen. Bis 1964 hieß die Straße Fliederstraße.

Wie stehen die Fraktionen zum aktuellen Antrag auf Umbenennung?

Die sieben Gegenstimmen zur Umbenennung im Kulturausschuss kamen von der CDU. Für die Umbenennung stimmten SPD, Grüne, Freie Wähler Kempen (FWK) und FDP. Auch die Linken sind für eine Umbenennung, hatten aber im Kulturausschuss kein Stimmrecht; im Hauptausschuss aber schon. SPD, Grüne, FWK und Linke brachten ihre Meinung auch in Wortmeldungen zum Ausdruck; die FDP-Stimme erfolgte ohne vorherigen Wortbeitrag. Im Hauptausschuss hat die CDU acht Stimmen. SPD (4), Grüne (2), FDP, FWK und Linke (jeweils 1) kommen gemeinsam auf neun Stimmen.

Wie sieht man das Thema in der Bürgerschaft?

An der Wilhelm-Grobben-Straße selbst hat eine nicht-repräsentative WZ-Umfrage ein differenziertes Meinungsbild ergeben. Es gab dort sowohl Anwohner, die gegen eine Umbenennung sind. Aber auch welche, die für einen neuen Straßennamen sind (die WZ berichtete). Mehrere Leserbriefe an die WZ und nun auch eine Stellungnahme des VLN sprechen sich vehement dafür aus, die Wilhelm-Grobben-Straße beizubehalten. Diese Eingaben sind auch der Sitzungsvorlage für den Hauptausschuss am 3. Dezember beigefügt. Sie können also ins Meinungsbild der Politiker einfließen. Zudem liegen von Anwohnern der Wilhelm-Grobben-Straße Anträge vor, die Umbenennung „zu verschieben, zu stoppen oder aufzuheben“.

Welches Vorgehen schlägt die Verwaltung nun vor?

Der Wortlaut des Beschlussvorschlags von Bürgermeister Volker Rübo (CDU): „Der Ratsbeschluss vom 4. September 1964 über die Benennung einer Straße nach Wilhelm Grobben wird aufgehoben.“ Heißt, dass die Stadtspitze weiterhin für eine Umbenennung ist. Zunächst sollten sich die Fraktionen aber mit den nun eingereichten Bürgeranträgen befassen. Sollte der Hauptausschuss mehrheitlich eine Verschiebung wünschen, würde die Stadt eine Bürgerversammlung einberufen, in der die Fraktionen ihre Positionen darstellen können.

Was passiert, wenn der Hauptausschuss für die Umbenennung votiert?

Für diesen Fall hat die Verwaltung recherchiert, dass die Straße dann quasi automatisch wieder Fliederstraße heißen wird. So hieß sie bis 1964. Die Aufhebung des Beschlusses von damals hat laut Stadt diese Konsequenz. Sollten die Fraktionen einen anderen Namen wünschen, müsste ein neuer Beschluss gefasst werden.

Sollte es zur Umbenennung kommen – was kommt dann auf die Anwohner der Wilhelm-Grobben-Straße zu?

Nach Angaben der Stadt Kempen sind derzeit 80 Personen mit einer Hauptwohnung an der Wilhelm-Grobben-Straße gemeldet. Die Verwaltung teilt mit, dass für diese kein neuer Reisepass, Kinderreisepass oder Personalausweis beantragt werden muss. Im Pass stehe lediglich der Wohnort „Kempen“. Beim Personalausweis werde ein Adressaufkleber mit der neuen Anschrift aufgeklebt und beim neuen Bundespersonalausweis werde der Chip im Ausweis geändert. „Kosten entstehen dafür keine“, so die Stadt Kempen.

Bei anderen Behörden oder Institutionen wie Banken oder Krankenkassen müssten die Anwohner das Thema selbst klären. Für das Thema Auto hat die Stadt bereits recherchiert. „Für Inhaber eines Kraftfahrzeugs gilt, dass im Falle einer Anschriftenänderung eine Korrektur des Fahrzeugscheins erforderlich ist“, heißt es in der Sitzungsvorlage. „Die Gebühr beträgt nach Angaben des Straßenverkehrsamtes Kreis Viersen zwölf Euro.“