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Warum der Histriker Leo Peters den Niederrhein schätzt

Interview Leo Peters : „Geschichte muss erlebbar erhalten werden“

Die Gesellschaft für Rheinische Geschichtskunde hat den Historiker Leo Peters zum Ehrenmitglied ernannt.

(biro) Die Gesellschaft für Rheinische Geschichtskunde hat Leo Peters für sein langjähriges Engagement mit der Ehrenmitgliedschaft ausgezeichnet. Der Historiker, ehemaliger Kreisarchivar und Kulturdezernent des Kreises Viersen, ist langjähriges Mitglied der Landschaftsversammlung Rheinland und gehört seit dem Jahr 1978 zur Gesellschaft für Rheinische Geschichtskunde.

Der Vorsitzende der Gesellschaft, Frank M. Bischoff, würdigt Peters Einsatz: „In ganz entscheidendem Maße hat sich der aus Archiv und Wissenschaft kommende Peters auch als Kulturpolitiker der Entwicklung von Vereinen und der Kulturpflege verschrieben und die Gesellschaft für Rheinische Geschichtskunde gefördert.“

Die Gesellschaft fördert die Erforschung der rheinischen Geschichte durch die Bereitstellung von wissenschaftlichen Editionen, Sammlungen und Publikationen sowie der Organisation von Kolloquien und Tagungen. Seit 2019 unterstützt der Landschaftsverband Rheinland ihre Tätigkeiten. Ein Gespräch mit dem neuen Ehrenmitglied Leo Peters über das Suchen und Finden in Archiven und die Neugier.

Was wollten Sie als Kind gerne werden – und warum sind Sie dann Historiker geworden?

Leo Peters: Lassen Sie mich ein wenig lustig beginnen! Als Kind wollte ich Papst werden. Die Karriereleiter habe ich aber als Messdiener abgebrochen, nachdem ich erkannte, wie spitz der Stellenkegel ist. Die Absicht, Historiker zu werden, entwickelte sich erst allmählich mit dem Aufmerksamwerden auf geschichtliche Zusammenhänge vor allem unter Anregung meines Vaters und unter Anleitung guter Geschichtslehrer.

Was fasziniert Sie an der Geschichte des Niederrheins?

Peters: Der Niederrhein ist eine Geschichtslandschaft und ein historischer Kulturraum, in dem sich wesentliche Epochen der vergangenen 2000 Jahre fast wie in einem Brennglas spiegeln, und wovon vieles noch sicht- und erlebbar ist: von der Römerstadt Xanten zu den Gräberfeldern von Gellep, der Schwanenburg in Kleve, den mittelalterlichen Klosteranlagen, den Burgen und Schlössern, den gotischen Kirchen und den reformierten Gotteshäusern. Albert Pauly verdanke ich die Anregung, zwei meiner Bücher mit dem Titel zu versehen: „Der Niederrhein – Schauplatz europäischer Geschichte“.

Wenn Sie eine Zeitreise machen könnten, in welche Zeit würden Sie reisen – und warum?

Peters: Da gibt es mehrere Epochen, die ich gerne erleben möchte. Vielleicht würde ich mich für das 16. Jahrhundert entscheiden mit seinen faszinierenden Fragen nach dem rechten Glauben, oder auch das 15. Jahrhundert mit seiner burgundischen Hochkultur, an der man sich auch am Niederrhein orientiert hat.

Sehen Sie sich manchmal als Detektiv?

Peters: Neugier ist ein Grundbestandteil des archivarischen Selbstverständnisses.

Gibt es etwas, das Sie einmal gern in einem Archiv finden würden, bislang aber nicht gefunden haben?

Peters: Darauf habe ich keine konkrete Antwort. Im Archiv spiegelt sich die ganze Breite und Tiefe menschlichen Daseins – vom Erhabenen bis zum Trivialen, von Glück und Unglück, von Armut, Wohlstand und Tristesse. Einen außergewöhnlichen Fund, der mir 1974 gelang, möchte ich aber erwähnen: einen Einblattdruck von Johannes Gutenberg von 1454, der heute im Gutenberg-Museum in Mainz zu bewundern ist.

Gibt es etwas, das Sie einmal in einem Archiv gefunden haben, das Sie lieber nicht gefunden hätten?

Peters: Als Referendar im Hauptstaatsarchiv wurde ich vor einem halben Jahrhundert mit zahllosen Gestapo-Akten bekannt. Eine belastende Lektüre!

Hat sich Ihr Bild des Niederrheins durch die Beschäftigung mit seiner Geschichte geändert?

Peters: Weniger geändert als vertieft und geschärft.

Viele Leute sagen: Früher war alles besser. Was sagt der Historiker dazu?

Peters: Das ist eine Frage, die seriös nicht beantwortet werden kann. Persönlich sehe ich durchaus manches, dessen Verlust ich beklage, aber auch manches Gegenwärtige, das Sorgen bereitet. Aber um das zu konkretisieren, müssten Sie zehn weitere Interviews mit mir machen.

Mit Beiträgen, Büchern und Vorträgen haben Sie viele Menschen für die Geschichte des Niederrheins begeistern können. Wie wählt man da aus, was für die Leser interessant sein könnte?

Peters: Zu unterscheiden ist zwischen meinen Publikationen, die sich an wissenschaftlichen Fragestellungen orientieren, und solchen, die mehr die Vermittlung geschichtlichen Wissens im Blick haben. Deren Auswahl folgt zumeist Jahrestagen. Seit Langem arbeite ich an einer Biografie des Clemens Wenzeslaus Marquis von und zu Hoensbroech (1776-1844). Sie wird im Jahr 2022 als Buch erscheinen und zeigt auf, wie sich Vertreter der adeligen Elite gegenüber den gewaltigen politischen und gesellschaftlichen Veränderungen der Zeit um 1800 positionierten.

Wie oft werden Sie angesprochen von Leuten, die sagen: „Herr Professor Peters, erklären Sie mir bitte…“

Peters: So oder ähnlich werde ich in der Tat angesprochen und angeschrieben. Manchmal mehr, als mir lieb ist, aber immer freue ich mich über das erkennbare Interesse.

Wenn Sie sich etwas wünschen dürften, was würden Sie sich für den Kreis Viersen wünschen? Wie soll er in 20 Jahren aussehen?

Peters: Als Historiker wünsche ich mir, dass alles getan wird, was die Geschichte erlebbar erhält. Mit dem Archivneubau wird dazu gegenwärtig ein guter und großer Schritt getan.

Vervollständigen Sie den Satz: „Der Niederrhein ist für mich…

Peters: ... Heimat – ohne Verkitschung und Gefühlsduselei.“