Meinung : Wähler wieder verstehen

Die Analyse der Wahlergebnisse im Kreis Viersen fällt eindeutig aus: Dort, wo von den etablierten Parteien vernachlässigte Menschen leben, wurde verstärkt gar nicht oder AfD gewählt. Beispiele sind das Kempener Hagelkreuz-Viertel und der Tönisberger Wartsberg.

Größtenteils hat der konservative Kreis Viersen die FDP deutlich gestärkt und dem bewährten CDU-Kandidaten Uwe Schummer ein gutes Erststimmen-Ergebnis beschert. So weit, so gut? Weitermachen? Nein!

Die etablierten Parteien mit ihren Spitzenleuten — allen voran die Abgeordneten Schummer und Schiefner — müssen die Sorgen der Wähler besser verstehen. Und es muss ihnen gelingen, mögliche Lösungen plausibel zu erklären. Und zwar vor Ort. Das vom SPD-Kandidaten Udo Schiefner plakatierte „Nah dran“ muss immer und überall gelten — in Tönisberg, Vorst, Oedt und Schiefbahn. Mit großem Engagement, das sowohl Schiefner als auch Schummer seit Jahren an den Tag legen, müssen sie in den nächsten Monaten und Jahren ihre Inhalte erklären und umsetzen.

Denn eben diese Inhalte hat AfD-Kandidat Kay Gottschalk mit Blick auf den Kreis Viersen nicht zu bieten. Der Hamburger mit Zweitwohnsitz in Nettetal, der nun der dritte Abgeordnete für den Kreis Viersen ist, wird sich im Parlament nicht lange mit lokalen Themen aufhalten. Gottschalk ist in NRW angetreten, weil sein Vertrauter Marcus Pretzell, AfD-Fraktionschef im Land und Gatte der Noch-Bundesvorsitzenden Frauke Petry, ihn zum Top-Mann auf der Landesliste machen wollte. Und Gottschalk ist im Kreis Viersen angetreten, weil er in der Hamburger AfD keine Karriere mehr machen konnte. Die bislang größten lokalen Leistungen Gottschalks sind die Teilnahme am Dülkener Rosenmontagszug und die Tatsache, dass er nach eigenen Angaben alle Städte und Gemeinden des Kreises Viersen ohne Navi findet.

Schon einen Tag nach der Wahl musste Gottschalk einen schweren Schlag in Berlin hinnehmen. Frauke Petry ging öffentlichkeitswirksam auf Distanz zur AfD-Fraktion. Für Gottschalk eine wichtige Personalie — schließlich gehört er zum sogenannten gemäßigten Flügel der Partei um Petry. Der Hamburger ist bislang nicht auf große Distanz zu Leuten wie Gauland oder Höcke gegangen, die mit Wehrmacht-Stolz und „Schande“-Aussagen zum Berliner Holocaust-Mahnmal Wahlkampf gemacht haben. Nun bleibt abzuwarten, wie groß Gottschalks Distanz zu den rechtsradikalen Mitgliedern der AfD-Bundestagsfraktion sein wird.