Von der Bohne zur Tafel: Kempener produziert in Brüssel Schokolade

Geschäftsidee : Von der Bohne zur Tafel: Kempener produziert in Brüssel Schokolade

Ein gebürtiger Kempener stellt in Brüssel Schokolade her. Nun bringt er sein Produkt in seine Heimat.

Es scheint ein bisschen so, als ob ein Deutscher in Italien eine Pizzeria aufmacht. Oder den Schweizern etwas vom Käsemachen erzählen möchte. Der gebürtige Kempener Björn Becker hat das scheinbare Sakrileg gewagt und produziert zusammen mit seiner Frau Julia Mikerova in Belgien Schokolade – und das auch noch in Brüssel, der Hauptstadt der Schokolade.

Denn dass in Belgien generell gute Schokolade produziert werde, sei ein Irrtum. Die Pralinen sind die belgische Spezialität, die Schokolade dafür stamme meist von wenigen industriellen Produzenten. Über die Herstellung von Schokolade wüssten dagegen viele Belgier nichts, hat der gebürtige Kempener festgestellt.

Eigentlich wollte Becker, der 1991 am Luise-von-Duesberg-Gymnasium Abitur gemacht hat, in die Entwicklungshilfe. Dabei erkannte er schnell, dass die Menschen in Entwicklungsländern vor allem faire Preise für ihre Arbeit brauchen. Nach einigen Jahren in der politischen Kommunikation rund um die Institutionen der Europäischen Union in Brüssel war er auf der Suche nach etwas Neuem. Genau wie seine Frau, die aus Russland stammt und im Finanz-Bereich tätig war.

Bei einer Städtereise nach Prag stießen sie zufällig auf ein „Chococafe“ mit verschiedenen heißen Schokoladen, die wie auf einer Weinkarte angepriesen wurden. Das hatten die Wahl-Brüsseler noch nicht gesehen und wagten sich selbst in diesen Bereich.

Es gibt eine weltweite Community, die sich mit der Philosophie „Bean-to-Bar“, also von der Bohne zur fertigen Tafel, beschäftigt. Von dieser erhielten sie viele Tipps. Zunächst importierten sie verschiedene Schokoladen. Dann wurde in der  heimischen Küche mit den Bohnen experimentiert. Am Ende stand ein Produkt, das ihn und seine Frau überzeugte. „Mike & Becky“ heißt ihre Marke, zusammengesetzt aus Teilen ihrer Nachnamen. In ihrem Laden in Brüssel verarbeiten sie die Kakaobohnen. Sie werden gesäubert, geröstet, gebrochen, zerkleinert, conchiert, also erwärmt umgerührt, und geformt. Zusatzstoffe sind darin nicht enthalten.

Die Bohnen kaufen sie direkt bei zurzeit fünf Plantagen, die sie kennen, in Peru, Belize, der Dominikanischen Republik, Kongo und Indien. Faire Bezahlung der Arbeiter, der Verzicht auf Kinderarbeit und Bio-Qualität ist ihnen wichtig.

Die Bohnen geben ihren fünf „Klassikern“ im Sortiment den eigenen Geschmack. Mit viel Leidenschaft spricht Becker über Schokolade – so wie man es bei Weinliebhabern kennt. So kann man auf den Verpackungen der Tafeln die Plantage, den Kakaotyp und das Erntejahr ablesen. Man könne beim Verkosten die Unterschiede schmecken, die die Bohnen, die unterschiedlichen Böden und Klimabedingungen ausmachen. Er berichtet von den vielen Schritten, die notwendig sind, um den Geschmack zu erhalten und die dazu beitragen, dass auch die 70-prozentige Schokolade keinesfalls bitter schmeckt.

Erst sei er skeptisch gewesen, ob das Konzept auch in Deutschland funktioniere, wo der Preis für Lebensmittel doch eine große Rolle spiele. Denn rund sechs Euro pro 65-Gramm-Tafel muss man sich den Schokoladen-Genuss kosten lassen. „Aber wenn eine 100-Gramm-Schokolade unter drei Euro kostet, dann tut das jemanden weh – einem Menschen oder der Natur“, sagt Björn Becker.

Die große Nachfrage bei einem Festival in Mittelsachsen stimmten sie um und nun nehmen sie auch den deutschen Markt in Angriff. „Mike & Becky“ ist in Kempen beim Café am Ring zu erhalten. Über einen kleinen Online-Bioladen kann man die Tafeln auch in Deutschland bestellen. An diesem Wochenende ist Björn Becker mit einem Stand beim Weihnachtsmarkt auf dem Buttermarkt vertreten und freut sich schon, alte Bekannte zu treffen und die Besucher von seiner Schokolade zu überzeugen.

Mit dem Produkt habe man wohl den Geschmack getroffen, sagt Becker. Die große Nachfrage hat sie bereits zu einem Umzug bewogen. In einem Brüsseler Industriegebiet kann die Produktion im nächsten Jahr verdreifacht werden. Statt vier werden dann zwölf Tonnen Schokolade im Jahr produziert. Björn Becker ist den Schritt in das neue Projekt vor drei Jahren gleich in Vollzeit angegangen. Seine Frau ist nun seit Juli zu 100 Prozent mit dabei. Anstrengend sei es schon, daraus macht Becker keinen Hehl. „Aber wir bereuen es keine Sekunde.“