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Kempen: Verwaltung gegen eigenes Archiv

Kempen : Verwaltung gegen eigenes Archiv

Der Kreis soll Konzepte für die Einbindung der Schulen und die Digitalisierung erarbeiten. Am 30. Mai berät der Kulturausschuss.

Kempen. Die Vorlage für den Kulturausschuss am 30. Mai liegt vor und dort steht es nun schwarz auf weiß: Die Stadtverwaltung will kein eigenes Stadtarchiv für Kempen aufbauen. Dafür wünscht sie sich vom Kreis Viersen aber, dass Konzepte für die Digitalisierung von Dokumenten und für die Archivarbeit in den Schulen erarbeitet werden.

In der Vorlage kommt Bürgermeister Volker Rübo zu dem Ergebnis, „dass sowohl fachliche als auch finanzielle Gründe gegen eine Rücknahme der Archivalien und damit eine Kündigung des Depositalvertrages sprechen“. Gemeint ist ein Vertrag aus dem Jahr 1984, der regelt, dass Kempen dem Kreis die Unterlagen des Stadtarchivs zur Verwahrung und wissenschaftlichen Auswertung im Kreisarchiv übergibt.

Ein eigenes Stadtarchiv wäre mit hohen Kosten verbunden, die zurzeit nur geschätzt werden können (siehe Info-Kasten). Dagegen ist die Verwahrung beim Kreis unentgeltlich — das soll auch so bleiben. Allenfalls würde die Stadt rund 15 000 Euro sparen, die sie für die Betreuung des Archivgutes ab 1970 zahlt.

Fraglich sei laut Stadt zudem, ob ein Kempener Stadtarchiv den Benutzern den gleichen Standard wie das Kreisarchiv bieten und ob die wissenschaftliche Bearbeitung weiter gewährleistet werden könne. Das Kreisarchiv sei personell gut ausgestattet, wird geleitet von einem Archivar des höheren Dienstes. Die Benutzerräume im geplanten Neubau in Dülken sollen großzügig werden.

Historiker, selbst wenn sie über Kempen forschen, würden oft Akten aus umliegenden Kommunen benötigen — das gelte auch für Heimat- und Familienforscher. Sie würden für weitergehende Recherchen ins Kreisarchiv müssen. Ihre Arbeit würde bei einer Trennung der Bestände erschwert.

Wenn das Archiv nach Dülken zieht, ist die Fahrt dorthin für Schulklassen eine Hürde. Daher hält die Stadt ein attraktives schulpädagogisches Konzept für erforderlich. Denkbar sei, dass die Archivpädagogen in die Schulen gehen und mit einem sogenannten Archivkoffer auf das Arbeiten mit alten Akten aufmerksam machen.

Im Zuge der Diskussion habe der Kempener Historiker Hans Kaiser eine Digitalisierung der Bestände angeregt. Die digitalisierten Akten könnten über das Internet zugänglich gemacht werden, die man dann am eigenen Computer oder an einem Arbeitsplatz in der Stadtbibliothek einsehen kann. Das Vorhaben werde kosten- und zeitintensiv, so die Stadt. Dennoch sollte die Zeit bis zur Fertigstellung des Neubaus genutzt werden, um ein Konzept zu erstellen und vorbereitende Arbeiten zu erledigen. Hans Kaiser empfiehlt, mit der Digitalisierung der Bestände zu beginnen, die auch archivwissenschaftlich nicht geschulte Benutzer nutzen können, zum Beispiel Zivil- und Personenstandsregister, Rats- und Ausschussprotokolle sowie die Akten der Stadtverwaltung seit 1815. Das empfiehlt auch die Verwaltung.

Landrat Andreas Coenen hatte der Stadt Willich bereits Archivkoffer, Digitalisierung und einen Pendelbus zum neuen Kreisarchiv in Dülken angeboten, um eine Abgabe des Willicher Stadtarchivs schmackhaft zu machen (die WZ berichtete). Die Willicher Politik ist damit bisher noch nicht zufrieden.

Zurück nach Kempen: Auch die wertvollen mittelalterlichen Kempener Urkunden sollen in Zukunft in Dülken lagern. Diese könnten aus konservatorischen Gründen nicht ausgestellt werden. Denn sie benötigen konstante klimatische Verhältnisse und eine fachgerechte Aufbewahrung. Daher schlägt die Verwaltung trotz des immer wieder vorgetragenen Wunsches, dass dieser besondere Schatz des Stadtarchivs in Kempen verbleiben müsse, vor, die Urkunden im Kreisarchiv zu belassen. Stattdessen sollten von den für die Stadtgeschichte bedeutenden Urkunden hochwertige Faksimiles, also originalgetreue Nachbildung, gefertigt werden. Einige Reproduktionen gibt es schon. Im Zuge der Neuausrichtung des Museums werde man klären, welche weiteren Urkunden für das Erzählen der Kempener Geschichte von Bedeutung sind.

Ganz leicht fällt Rübo diese Entscheidung nicht, ist der Vorlage zu entnehmen. Die umfangreichen Bestände und die fast lückenlose Überlieferung aus der Zeit von 1233 bis 1794 machten die Qualität und Bedeutung des Stadtarchivs aus. Diese Quellen hätten nicht nur lokale, sondern auch regionale Bedeutung. „Die Vorstellung fällt daher schwer, dass das Stadtarchiv künftig nicht mehr in Kempen beheimatet sein soll. Es widerspricht dem Selbstverständnis und dem Selbstbewusstsein einer Stadt mit einer reichen und wechselvollen Geschichte.“

Der Kulturausschuss berät das Thema am Dienstag, 30. Mai, ab 18 Uhr im Ratssaal im Rathaus. Am 27. Juni entscheidet dann der Stadtrat.