Tierliebe kontra Fleischkonsum

In der Kempener Burg diskutierten Experten das Thema „Anständig Tiere essen?“

Kempen. Wir lieben und wir essen sie: Tiere. Um diesen Widerspruch drehte es sich beim Diskussionsabend „Anständig Tiere essen?“ am Donnerstag in der Kempener Burg. Die Kreisvolkshochschule (VHS) des Kreises Viersen und die Umweltgruppe der Kempener Kirchengemeinden hatten dorthin eingeladen. Es diskutierten eine Vegetarierin, ein Fleischwirtschafts-Betriebsleiter und eine Ernährungswissenschaftlerin.

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Früher hätte es solch ein Streitgespräch wohl kaum in der Fastenzeit zwischen Karneval und Ostern gegeben. Denn die lateinische Wendung „carnem levare“, von der der Begriff Karneval abgeleitet ist, bedeutet „das Fleisch wegnehmen“, verweist also auf die Fastenzeit. War diese in vergangenen Zeiten fleischlos, so verzichten die Menschen heute eher auf Genussmittel wie Alkohol und Süßigkeiten. Warum? Weil Fleisch nicht nur erschwinglich geworden ist, sondern billig.

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Doch dieser gestiegene Fleischkonsum hat Folgen, Stichwort Lebensmittelskandale. „Qualität hat ihren Preis“, sagt Bruno Jöbkes, Betriebsleiter bei Thönes Naturverbund. Die Firma mit Sitz in Wachtendonk setzt laut Eigenwerbung auf faire Preise für die Landwirte, gentechnikfreie Fütterung, schonende Schlachtung und höchste Fleischqualität. „Uns mögen Menschen, die sich bewusst ernähren und dafür eventuell weniger Fleisch essen“, sagt Jöbkes.

Tatsächlich wurde nachgewiesen, dass zu viel Fleisch ungesund ist. Das fördert Massentierhaltung und trägt zur Vernichtung von Ökosystemen bei. Jöbkes betont, dass es auch anders geht: „Mit möglichst wenig Emissionen und regenerativer Energiegewinnung leisten wir unseren Beitrag.“

Von „schonender Schlachtung“ will Annika Gille nichts wissen. Sie gehört dem Vegetarierbund Kreis Viersen an und isst seit ihrem 13. Lebensjahr fleischfrei. Dabei geht es Gille nicht um die moralische Frage, ob es vertretbar ist, Tiere zu töten und aufzuessen. Vielmehr sieht sie im Massenkonsum das Problem: „Manche Leute merken gar nicht mehr, wie viel Fleisch sie überhaupt essen.“ Es gehe nicht um Verzicht, sondern um das Weniger. „Ernährung ist keine Religion. Ich habe nichts Schlimmes gemacht, wenn ich mal ein Stück Käse esse“, sagt Gille, die sich größtenteils vegan ernährt. Sie verzichtet bewusst auf tierische Produkte wie Honig, Käse und Eier.

„Fleischlose Ernährung muss ausgeglichen werden“, weiß Ernährungswissenschaftlerin Cornelia Rohde von der Hochschule Niederrhein. Das könne mit Vitamin C, Sojaprodukten, Hülsenfrüchten, frischem Gemüse und Vollkorn-Produkten geschehen. „Fleisch ist auch ein Stück Lebenskraft“, sagt Rohde und verweist auf hochwertige Eiweiße, die gut für Zellwachstum und Gehirn sind.

Doch auch Fleischesser sollten auf ausgewogene Ernährung achten: „Frisches Gemüse, Obst und Vollkornprodukte gehören dazu“, sagt die Expertin. „Anständig“ Tiere zu essen, da sind sich alle Drei einig, ist also möglich. Jeder Einzelne sollte seine Essgewohnheiten überdenken. Ein fleischfreier Tag tut jedem Menschen und seinem Körper gut.