Thomas-Übersetzer im Mittelpunkt

Gerhard Tersteegen hatte das berühmte Werk „Nachfolge Christi“ übersetzt. Prof. Dr. Mennecke stellte den sehr frommen Mann vor.

Kempen. „Thomas von Kempen und Gerhard Tersteegen“ hieß das Thema eines Vortrags am Sonntag im Rokoko-Saal des Kramer-Museums. Thomastag hin oder her: Professorin Dr. Ute Mennecke von der Universität Bonn richtete ihr Hauptaugenmerk auf Tersteegen, den Mann, der 1730 eine eigene, sehr sorgfältige Übersetzung von der „Nachfolge Christi“ veröffentlicht hat. Michael Gallach, Vorsitzender des vor 25 Jahren gegründeten Thomasvereins, stellte die Gemeinsamkeiten heraus: „Beide stammen vom Niederrhein, beide haben ein asketisches Leben geführt und sich ganz für Gottes Stimme geöffnet.“

Gerhard Tersteegen

Thomas von Kempen ist um 1379 geboren worden und lebte bis 1471. Der aus Moers stammende Tersteegen lebte von 1697 bis 1769, also in einer ganz anderen Epoche. Trotzdem war der Jüngere schon sehr früh auf das Werk des Älteren aufmerksam geworden. Gerhard Tersteegen, der später von Moers nach Mülheim an der Ruhr ziehen sollte, war offenbar schon ein etwas kauziger Typ: Ute Mennecke hatte nur eine mit groben Strichen gezeichnete Abbildung gefunden. Er wollte sich nicht in den Vordergrund rücken, keinen Personenkult. „Gott allein genügt“, lautete das Credo der Anhänger des Quietismus, zu denen auch Tersteegen gehörte.

Ein Gottesdienst pro Woche genügte dagegen nicht — Freunde der separatistisch-spiritualistischen Strömung trafen sich mehrmals pro Woche zum „erbaulichen Tun“. Diese Frömmigkeit neben der kirchlichen hatte die Obrigkeit zunächst nicht hingenommen. Die Referentin berichtete, dass der Kaufmannssohn aus Moers bei seinem Schwager in Mülheim an der Ruhr eine kaufmännische Lehre absolvierte, später aber vor allem von Vermächtnissen und dem Vermögen seiner Anhänger lebte.

Sie beschrieb Gerhard Tersteegen als sehr charismatischen Mann, der zwar vermutlich nie in Kempen gewesen ist, wohl aber in Krefeld, und zwar auf Einladung der Mennoniten. 1754 bekam er das Königlich-Preußische Druckprivileg verliehen — die Toleranz des aufgeklärten Staates prallte damit auf die Intoleranz der reformierten Kirche.

Das mutet heutzutage eher befremdlich an: Seine erste Verschreibung an Jesus Christus hatte Tersteegen mit seinem eigenen Blut geschrieben. „Er ging mit den inhaltlichen Aussagen von Thomas von Kempen überwiegend konform“, erklärte die Geschichtsprofessorin. Was Tersteegen beklagte: „Die Welt ist voll von äußeren Dingen, der Mensch verliert sich in Zerstreuung, was vom eigentlich Wichtigen ablenkt.“ Oft bezog er sich selbst in seine Kritik mit ein. Was ihm wichtig war: „Den Glauben eines Menschen muss man deutlich wahrnehmen können.“