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Stadt Kempen: Wärmewende versus Flächenfraß

Stadtwerke Kempen : Wärmewende versus Flächenfraß

Die Stadtwerke Kempen planen die größte Solarthermie-Anlage Deutschlands – dafür gibt es viele Argumente, dagegen aber auch einige kritische Stimmen.

Dass es wohl das größte Solarthermie-Projekt Deutschlands werden soll, wussten die Stadtwerke-Geschäftsführer bereits im März 2019 bei einem Pressegespräch. Dennoch wollten sich Siegfried Ferling und Norbert Sandmann mit Blick auf die Dimension des Projektes noch nicht allzu weit aus dem Fenster lehnen. Denn wenn man zwölf Hektar (etwa 16 Fußballfelder) an Fläche braucht, um ein umweltfreundliches Energieprojekt umzusetzen, wird nicht jeder Hurra schreien. Das wussten die Verantwortlichen damals und bekommen es derzeit häufiger hautnah zu spüren.

Zuletzt im Ausschuss für Umwelt, Planung und Klimaschutz (UPK). Grundsätztlich sind die Fraktionen zwar erfreut, dass die Stadtwerke Kempen auf lokaler Ebene einen großen Beitrag zur Energiewende leisten wollen. Aber die Grünen monierten öffentlich, dass an diesem Projekt womöglich noch nicht alles zu Ende gedacht ist. „Dem ohne Frage zu lobenden Ansinnen, die Energiewende zu schaffen, steht aber der enorme Flächenfraß gegenüber“, so Ratsherr Michael Rumphorst mit Blick auf die auserkorene Fläche am Krefelder Weg – unweit von Gut Heimendahl. Die Grünen teilen die Bedenken aus der Landwirtschaft und auch von einigen Bürgern, ob denn hier sorgsam mit einer landwirtschaftlichen Fläche umgegangen werde.

Aus Sicht der Grünen fehlen etliche alternative Gedanken, bevor man sich letztlich zu dieser Solarthermie-Anlage entschließen kann. „Gibt es zum Beispiel andere regenerative Ansätze, um die entsprechende Wärme zu gewinnen? Und wenn es denn Solarthermie sein soll, gibt es vielleicht auch andere Flächen in Kempen dafür?“ Das waren nur zwei Fragen von Rumphorst.

Mit Blick auf letztere verweisen die Stadtwerke darauf, dass in einer Studie 24 verschiedene Standorte geprüft worden seien. Unter Berücksichtigung aller Faktoren (unter anderem Lage und Kosten) sei die Ackerfläche am Krefelder Weg die beste Lösung. Das Areal gehört der Familie von Heimendahl und ist zur Bewirtschaftung an einen Landwirt verpachtet.

Dem befürchteten Flächenfraß, den auch die CDU-Fraktion in ihrer Stellungnahme erwähnte, entgegneten Sandmann und Ferling in der Sitzung, dass mit dem Areal schonend umgegangen werde. Das Vorbild existiere bereits in Dänemark. Dort stünden mitten in den Sonnenkollektoren Wildblumen und andere Pflanzen, ebenso würden Schafe grasen. „Um die Energiewende zu schaffen, muss uns in Deutschland die Wärmewende gelingen“, so Ferling. „Und mit diesem Projekt können wir einen großen ökologischen und ökonomischen Fortschritt erreichen.“

Was soll denn eigentlich erreicht werden? Mit der Solarthermie-Anlage wollen die Stadtwerke so viel Sonne ernten, dass 13 Prozent der Wärme im eigenen Fernwärmenetz durch das Feld am Krefelder Weg bereitgestellt wird. Um dieses Netz wird Kempen ohnehin schon im Umland beneidet. Denn die Idee, die in den 1960er Jahren noch ziemliches Neuland war, hat in Kempen dafür gesorgt, dass die Stadtwerke deutlich unabhängiger am Energiemarkt sind als andere Anbieter. Es sei eine saubere Wärmegewinnung, die sich obendrein auch für die Kunden bezahlt mache, so Ferling in der Sitzung des Ausschusses. Mehr als 60 Prozent der Stadtwerke-Kunden heizen derzeit mit Fernwärme. Leitungen liegen unter anderem im Hagelkreuz-Viertel und in den jüngsten Neubaugebieten des Kempener Südens.

Trotz der Flächenfraß-Bedenken hat das Millionen-Projekt der Stadtwerke im Ausschuss nun den ersten Schritt gemacht. Dabei ging es aber nur um die erste öffentliche Beteiligung, in der die Pläne nun ausgelegt und Stellungnahmen eingeholt werden. Diesem Vorhaben stimmten alle Fraktionen zu – auch die Grünen. „Mit diesem Beschluss zurren wir noch gar nichts fest“, betonte Torsten Schröder, Technischer Beigeordneter. Vielmehr sei das nun beschlossene behördliche Verfahren dazu da, den Plan auf Herz und Nieren zu prüfen.