Buch „Verhaftet, interniert, verhungert“ Die Geschichte eines St. Huberter Lehrers in der NS-Zeit

St. Hubert · Ein Buch stellt jetzt das Schicksal eines Schulleiters und NS-Funktionärs aus St. Hubert dar: Georg Nöring.

 Rüdiger Gollnick präsentierte im St. Huberter Weberhaus sein Buch „Verhaftet, interniert, verhungert“.

Rüdiger Gollnick präsentierte im St. Huberter Weberhaus sein Buch „Verhaftet, interniert, verhungert“.

Foto: Lübke, Kurt (kul)

(hk) Juni 1945, einen Monat nach der Kapitulation der deutschen Wehrmacht: Binnen weniger Wochen haben die Alliierten siebeneinhalb Millionen deutscher Soldaten und NS-Funktionäre gefangen genommen – und sind darauf völlig unvorbereitet. Die Zustände in den Gefangenenlagern sind desaströs, etwa im „Rheinwiesenlager“ bei Rheinberg – eine Wiese, von Stacheldraht umzäunt. Im verschlammten Grund reiht sich ein Erdloch an das andere. Die Gruben haben die Gefangenen mit Löffeln und Kochgeschirren ausgehoben, um ein wenig vor dem Wetter geschützt zu sein. Die Öffnungen haben sie mit Hemden oder Jacken abgedeckt.

Rund 80 000 Menschen leben so unter erbärmlichen Umständen. Einer von ihnen ist Georg Nöring aus St. Hubert, Leiter einer Volksschule in Kempen und davor zeitweise Leiter der nationalsozialistischen Volkswohlfahrt in St. Hubert. Sein Schicksal und seine Todesumstände sowie die Zustände in den Internierungslagern Rheinberg und Staumühle hat jetzt der Regionalhistoriker Rüdiger Gollnick dargestellt.

1891 im Hessischen geboren, absolvierte Nöring am Kempener Lehrerseminar – heute: Altbau des Thomaeums – eine Ausbildung zum Volksschullehrer. Seit 1930 leitete er in St. Hubert die Ländliche Fortbildungsschule, dann die Katholische Volksschule in St. Hubert und ab 1943 die Katholische Mädchenvolksschule in Kempen. Nach der Machtübergabe an die Nazis im Januar 1933 wird auf die Pädagogen ein enormer politischer Druck aufgebaut – vor allem, wenn sie wie Nöring eine leitende Position haben.

Jeder Lehrer muss nun in den Nationalsozialistischen Lehrerbund (NSLB) eintreten und einen persönlichen Treueeid auf den Führer ablegen. Nach großem Druck treten am 1. Mai 1933, dem „Tag der Nationalen Arbeit“, in Kempen fast alle Angehörigen des öffentlichen Dienstes feierlich in die NSDAP oder eine ihrer Gliederungen ein, auch ein Drittel der Kempener Lehrer (schließlich werden 70 Prozent von ihnen der NSDAP angehören), unter ihnen Georg Nöring.

Hat die Mitgliedschaft in der NSDAP sein Verhalten geprägt? „Georg Nöring war der beste Lehrer, den ich je hatte“, sagt seine ehemalige Schülerin Katja Scholz.

Eingesetzt aus Überzeugung
für seine Mitmenschen

„Ich kann mich an keinerlei politische Beeinflussung erinnern, an Hetze gegenüber den Juden schon gar nicht.“ Auch als NS-Mitglied bleibt Nöring bekennender Katholik. Nöring war Idealist – und erkannte wohl wie viele andere zu spät, wohin die Reise in Wirklichkeit ging. Von Juli 1934 bis September 1935 leitet er in St. Hubert die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt, führt in seiner Schule am Hohenzollernplatz gratis Beratungsstunden für Not leidende Bürger durch, „ob Parteimitglied oder nicht“. Im Rückblick hat es den Anschein, dass Nöring sich aus Überzeugung für seine Mitmenschen einsetzte – und nicht sah, dass seine Ideale Falschmünzern in die Hände gefallen waren; Machthabern, die einen unverhohlenen Rassismus betrieben und die Welt mit Absicht in einen Krieg stürzten.

Nach der Besetzung St. Huberts durch die Amerikaner am 3. März 1945 wurde Georg Nöring im Zuge der alliierten Fahndung nach „Führungspersonen von NS-Organisationen“ ohne Verhör verhaftet und ins Rheinwiesenlager Rheinberg deportiert. Infolge von Unterernährung stark geschwächt, hat man ihn von dort ins britische Internierungslager Staumühle in Sennelager überstellt. Dort ist er am 25. November 1945 gestorben. Erschüttert von der Nachricht, erliegt seine Frau Katharina am 15. Dezember 1945 einem Herzschlag.

ISBN: 978-3-946509-63-9, 136 Seiten, 12,80 Euro

(hk)
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