Eltern verloren : Hilfe für ein unfassbares Schicksal

Zwei Kempener Jugendliche verlieren innerhalb von drei Monaten ihre Eltern. Nun werden Spenden gesammelt, um den heimischen Hof zu retten.

Der Aufruf von Nina Opdenfeld auf der Plattform Gofundme.com beginnt mit einem einfachen Satz, der alles sagt.  „Wir haben noch nie solch einen Spendenaufruf für Jemanden gemacht, aber nun ist dringend unsere Hilfe und Unterstützung gefragt.“

Und wenn man mit der 41-jährigen Mutter aus Kempen spricht, spürt man, wie sehr sie das Schicksal der beiden Kinder, um die es geht, und die aktuellen Reaktionen darauf bewegen. 

Denn sie hat über die Plattform am vergangenen Sonntagabend dazu aufgerufen, für einen 18-jährigen Jungen und dessen 14-jährigen Bruder Geld zu spenden, die zukünftig ohne ihre Eltern leben müssen. „Wir kennen die Familie schon lange, mein Stiefsohn Marco und der ältere Junge sind seit Kindertagen beste Freunde und ganz eng miteinander verbunden“, schildert Opdenfeld, wie der Bezug zu den Menschen ist, um die es geht.  

Es begann mit dem Darmkrebs der Mutter, die sich lange einer Chemotherapie unterziehen musste. Der große Sohn und seine langjährige Freundin kümmern sich während dieser Zeit gemeinsam mit der Patentante und Oma rührend um den kleineren Sohn auf dem Hof. Vor drei Monaten verstarb dann die Mutter im Hospiz. „Die Familie musste die riesige Trauer um die Mutter bewältigen“, erzählt Nina Opdenfeld.

Verwandte stehen den
Jugendlichen zur Seite

Dann brach beim Vater eine seltene Blutkrankheit durch. Die Anverwandten, die etwas verstreut wohnen, schauten immer wieder nach den Kindern. Der Vater der Jungen lag wochenlang im Krankenhaus - und verstarb jetzt drei Monate nach seiner Frau nach kurzem Koma.

„Das kann man einfach nicht beschreiben, es bricht einem das Herz“, versucht Nina Opdenfeld gar nicht erst, für diese Situation nach Worten zu suchen. Die Verwandten sind für die Jungen da, die Patentante kümmert sich nun verantwortlich um sie. Sie will das halbe Sorgerecht für den 14-Jährigen übernehmen, der ältere Bruder den anderen Anteil.

Emotional ist der noch nicht fertig sanierte Hof der Eltern alles, was die Kinder jetzt noch an Halt haben. „Die Eltern haben so viel hineingesteckt. Der Hof ist für die Jungs eine innige Verbindung zu den Eltern.“ Ihn aufzugeben, das ist für sie keine Option. Noch liegen auf dem Hof aber noch Verbindlichkeiten in sechsstelliger Höhe. Und die Kinder müssen die Beerdigung und die Absicherung für das Haus bezahlen, die Vollwaisenrente erst noch beantragen. Der 18-jährige wird ab Oktober Maschinenbau studieren, kann noch Bafög beantragen. Die Spendensumme hilft den Jugendlichen sehr in dieser finanziell schwierigen Situation.

Die Situation veranlasste Nina Opdenfeld, tätig zu werden. Die Hilfsbereitschaft ist überwältigend.  Aktuell liegt der Spendenstand bei über 58 000 Euro und wächst stetig. „Als ich den Link am Sonntag reinstellte, habe ich niemals mit solch einer Spendenbereitschaft gerechnet. Gefühlt hat ganz Kempen etwas für die beiden gespendet.“ Und der halbe Niederrhein hat den Link dazu im Status. „Das ist eine Resonanz, die macht Gänsehaut.“

Die Hilfsbereitschaft ist „überdimensional“

Menschen aus der direkten Nachbarschaft kämen, Handwerker wollen dabei mithelfen, auf dem Hof eine Halle für Wohnwagen und Oldtimer zu gestalten, um eine Einnahmequelle für die Kinder zu schaffen. „Es geht nicht nur um die Spende, sondern auch um Nachhaltigkeit.“

Das Steuerbüro im Wohnort der Patentante will unentgeltlich bei der Absicherung helfen, der Moerser Kinderverein „nicht egal e.v.“ sich engagieren. Der Grefather Eishockeyverein, wo der große Bruder aktiv ist, will am Sonntag eine Schweigeminute vor dem Spiel durchführen und ein Benefizspiel organisieren.

Und auch selbst wird Nina Opdenfeld von der Welle der Hilfsbereitschaft überrollt. Sie bekommt zahllose Nachrichten, die sie gar nicht alle beantworten kann, redet im Rundfunk über das Schicksal der Jungen, wobei sie strikt auf deren Persönlichkeitsrechte achtet, erhält den Kontakt zu Welle Niederrhein und „Lichtblicke“.

Als sie das Konto für die Spendengelder bei der Volksbank eröffnete, war für die Mitarbeiter klar: Wir machen Ihnen das Konto umsonst, wir erstatten die Kontogebühren. „Jeder, der damit in Berührung kommt, ist in Hilfestellung.“

Die siebenjährige Tochter gab ihr gesammeltes Taschengeld und malte Plakate, die sie in der Stadt aufhängen will. „Das sind alles sehr emotionale Momente.“ Was jetzt passiere, sei „überdimensional“, sagt Nina Opdenfeld. „Es ist schön zu sehen, dass es gerade in diesen Zeiten solch eine Solidarität gibt.“

Über ihren Stiefsohn weiß sie, dass der große Bruder und seine Familie von der Solidarität überwältigt sind. „Das Gefühl, sie sind nicht allein, es sind so viele Menschen um sie herum, die sogar spenden. Das macht emotional ganz viel.“ Auch wenn das Geld nicht den Verlust der geliebten Eltern ersetzen kann. „Trotzdem wird diese Trauer noch einen ganz langen Weg haben.“