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Serie: Kempens Goldene Zeit (9) - Eine Rdaikalkur für die Altstadt

Kempens Goldene Zeit (9) : Ganze Innenstadt soll erneuert werden

Am 27. Juni 1968 beschloss Kempens Stadtrat eine Jahrhundertaktion: die Altstadtsanierung. Das Projekt polarisiert die Bürger noch heute. Einerseits wurde die Kempener Innenstadt zukunftsfähig gemacht. Die Altstadt wurde Fußgängerzone, der Autoverkehr auf zwei Erschließungsstraßen beschränkt. Beides zusammen machte Kempen zur „Einkaufsstadt der kurzen Wege“. Andererseits hat man damals an die 60 denkmalwerte Gebäude weggebaggert — unter großem Zeitdruck und aus vermeintlichen Sachzwängen.

Am Ende der 1950er-Jahre scheint auch die Kempener Altstadt am Ende; ihre Bausubstanz bröckelt. Zahlreiche Gebäude sind einsturzgefährdet. Verfallene Anbauten füllen die Innenhöfe, löchriges Ruckelpflaster bedeckt die engen Straßen; sie ersticken im Autoverkehr. Die Wohnungsnot ist bedrückend. Lärmende Handwerksbetriebe und Kleinfabriken, dazu sieben Bauernhöfe verstärkten den Eindruck des vorsintflutlichen, zerrissenen Stadtbildes.

Bereits 1961 stuft die Verwaltung die gesamte Innenstadt als erneuerungsbedürftiges Wohngebiet ein. Einzige Ausnahmen: die Thomas- und die Franziskanerstraße. 1965 formulieren Rat und Verwaltung die Grundsätze der künftigen Sanierung: Wiederherstellung des historischen Ringmauer-Grundrisses; bauliche Erneuerung, aber Wahrung des Altstadtcharakters; Funktionsverbesserung für die Anforderungen der Zukunft.

 Ein Bravourstück der Sanierung: 1980 wurde das verfallene Haus Pielen, Kuhstraße 7, zerlegt und zur Neustraße befördert, wo es eine Wiedergeburt erlebte — als Restaurant Et kemp’sche Huus.
Ein Bravourstück der Sanierung: 1980 wurde das verfallene Haus Pielen, Kuhstraße 7, zerlegt und zur Neustraße befördert, wo es eine Wiedergeburt erlebte — als Restaurant Et kemp’sche Huus. Foto: Friedhelm Reimann

Motor der Sanierung wird Klaus Hülshoff, Stadtdirektor seit 1960. Bereits 1963 gründet er einen Sanierungsbeirat, in den der gewiefte Taktiker Vertreter des Innenministers, des Regierungspräsidenten, des Oberkreisdirektors und des Landeskonservators aufnimmt.

Bestens vernetzt nach Bonn und Düsseldorf besorgt er viel Geld über kurze Drähte. 48 Millionen Mark öffentlicher Mittel ziehen allein bis 1990 an die 70 Millionen Mark privater Investoren nach sich. Zahlreiche Eigentümer sanieren nun auf eigene Kosten ihre Häuser: Klosterstraße 10a, Schulstraße 18 und Tiefstraße 7, um nur drei Beispiele von vielen zu nennen. Der Gesamtbetrag privater Folge-Investitionen dürfte mittlerweile bei mehr als 100 Millionen Euro liegen.

Ende 1965 beauftragt die Stadt die jungen Essener Planer Peter und Marlene Zlonicky mit der Ausarbeitung eines Sanierungskonzepts. Auf dessen Grundlage erfolgt am 27. Juni 1968 der einstimmige Stadtratsbeschluss zur Erarbeitung der entsprechenden Bebauungspläne.

Indes: Die zehn Pläne, die das städtische Planungsamt von 1968 bis 1980 entwickelt, gehen über die ursprünglichen Vorstellungen der Zlonickys weit hinaus. Nie habe er geplant, wird Peter Zlonicky 1981 sagen, zwei Sekanten mitten durch die Altstadt zu brechen, sondern lediglich, Parkplätze vom Ring aus erreichbar zu machen. Und diese Parkplätze sollten nicht über, sondern unter der Erde liegen – mit Spielplätzen darauf.

Während woanders die Vorstellung greift, auch nach 1900 errichtete Gebäude könnten denkmalwert sein, rollt in Kempen unbeirrt der Bagger. Abgebrochen wird damals das Hotel Kellersohn aus dem 17. Jahrhundert an der Ecke Studentenacker/Peterstraße. Seit 1973 war hier das Weinhaus Straeten beheimatet, das seine Geschäftsräume zum 1. Februar 2020 ins Stammhaus an der Hülser Straße 1 verlegte.

Abgerissen wird 1978 die wilhelminische Post am Spülwall. Vor allem aber: das Jugendstil-Stadtbad an der Burgstraße. 1974 weicht es der neuen Orsaystraße. Kempens ältestes, aus dem 15. Jahrhundert stammendes Fachwerkhaus an der Ecke Oel-/Josefstraße wird im März 1979 dem Bau der Heilig-Geist-Straße geopfert. Sein Pech: Es hätte anderthalb Meter in den geplanten Straßenzug geragt.

Aber die Bevölkerung der Stadt Kempen ist größtenteils mit den Sanierungsplänen einverstanden. Sie sieht: Die Vorteile des Projektes überwiegen.