Kempen: Selbstverteidigung hoch im Kurs

Kempen: Selbstverteidigung hoch im Kurs

Vor allem bei Frauen ist die Nachfrage groß. Kommerzielle Anbieter und Vereine richten sich darauf ein.

Kempen. Viele Mädchen und Frauen sind nicht erst seit den Übergriffen in der Kölner Silvesternacht verunsichert. Gerade in den Abendstunden fühlt sich die eine oder andere Frau auf der Straße nicht mehr sicher, denn solche Situationen treten unvermittelt auf. Auch der Fall einer 16-Jährigen, die an Vatertag in Kempen von zwei Männern überfallen worden sein soll, dürfte nicht zu einem besseren Sicherheitsgefühl beitragen. Doch wie verhält man sich am besten, wenn so etwas passiert? Um diese Frage zu beantworten, sind Selbstverteidigungskurse und Kampfsportschulen derzeit hoch im Kurs.

In der Kampfkunst- und Charakterschule Richter in Kempen wurden bereits Anfang des Jahres drei Selbstschutz-Seminare für Frauen angeboten. „Die Nachfrage ist groß. Ich werde immer noch gefragt, ob ich das Seminar wiederholen kann“, sagt Inhaberin Andrea Schnell. Je nach Zielgruppe seien die Anliegen unterschiedlich. „Gerade wegen der Vorfälle in Köln waren einige Mütter mit ihren Töchtern da. Die Jugendlichen wissen nicht, wie sie sich verhalten sollen, wenn sie von einem Fremden angesprochen werden. Die Eltern haben natürlich immer Angst, dass in solchen Situationen mehr passiert“, so Schnell.

In ihren Seminaren gehe es jedoch nicht direkt um Selbstverteidigung, sondern darum, gefährliche Situationen erkennen und dadurch umgehen zu können. „Am besten wäre es dann, direkt nach Hilfe Ausschau zu halten oder Fluchtmöglichkeiten zu suchen“, erklärt die Kampfsport-Lehrerin.

Dabei komme es aber immer darauf an, welcher Typ Mensch das potenzielle Opfer sei. „Es gibt drei unterschiedliche Typen. Einige verfallen in eine Art Schockstarre und können dann gar nichts mehr machen. Dann gibt es die, die direkt nach vorne gehen und konfrontieren. Ideal ist aber die dritte Gruppe, die direkt wegrennt und damit allem aus dem Weg geht“, sagt Schnell. Damit jeder „Typ“ dies lernen kann, möchte sie noch in diesem Jahr ein weiteres Seminar anbieten.

Für Frauen, die generell unsicher sind, sei es jedoch am sinnvollsten, eine Kampfkunst zu erlernen. „In einem Selbstschutz-Kurs kann man natürlich nicht direkt lernen, Angreifer abzuwehren. Kampfsport muss in den Körper übergehen, damit man instinktiv handeln kann“, sagt Andrea Schnell.

Auch die Vereinigte Turnerschaft (VT) Kempen bietet sogenannte Selbstbehauptungs-Kurse unter der Leitung von Gaby Meier an. Sie ist ausgebildete Fachkraft für Gewaltprävention. „Ich glaube nicht, dass die große Nachfrage unbedingt mit den Vorfällen in Köln zu tun hat“, sagt Meier. „Die ist immer groß — zum Beispiel auch rund um Karneval“, so die Kempenerin.

Besonderes Interesse hätten neben Schulen, Kindergärten und anderen Einrichtungen auch immer wieder Firmen, in denen viele Frauen arbeiten. „Dabei kann es dann darum gehen, wie man sich im Büro verhält oder wenn ein Kunde irgendwie komisch wird“, so Meier.

Auch sie rät nicht direkt zur Selbstverteidigung, sondern eher zur Vorbeugung. „Wichtig ist, brenzlige Situationen vorher zu erkennen und klar und deutlich auszusprechen, wenn man etwas nicht will. Denn alles, was ich nicht verbiete, ist für den anderen erst mal erlaubt“, sagt Gaby Meier. Ein Patentrezept gibt es laut der Erzieherin allerdings nicht. „Solche Kurse können helfen, sich im Alltag sicherer zu fühlen und bestimmter aufzutreten. Zu Überfällen wird es aber weiterhin kommen.“

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