Kempen: Schüler lernen, wie aus Fremden Freunde werden

Kempen : Schüler lernen, wie aus Fremden Freunde werden

Jugendliche aus Orsay und Kempen tauschten sich über Eigenheiten in Frankreich und Deutschland aus.

Kempen. In Frankreich wird Milch aus Schüsseln getrunken, in die auch Croissants getunkt werden. Der Franzose transportiert sein Baguette ohne Verpackung. Im Nachbarland wird es geduldet, über eine rote Ampel zu laufen, wenn kein Auto kommt. In Deutschland fährt man viel Fahrrad, das Schweinchen ist ein Symbol für Glück und es gibt Zigarettenautomaten. Auf den großen Stellwänden in der Aula der Erich Kästner Realschule stehen die unterschiedlichsten Aussagen in deutscher und französischer Sprache, teilweise mit den entsprechenden Fotos dazu versehen. Es ist eine kunterbunte Aufzählung von Unterschieden, die 80 Schüler aus Kempen und der französischen Partnerstadt Orsay, aufgeteilt in zehn, sprachlich gemischte Gruppen, zusammengetragen haben.

Alle Punkte sind ihnen persönlich bei den gegenseitigen Besuchen aufgefallen. Unter dem Titel „Wie aus Fremden Freunde werden“ ist im Rahmen des langjährigen Schüleraustausches erstmalig ein gesellschaftspolitischer Workshop-Tag angesagt. Diesen haben die Bürgermeister beider Städte gemeinsam geplant und mit den sechs beteiligten Schulen umgesetzt. Wobei es auf französischer Seite drei weiterführende Schulen in Orsay und auf deutscher Seite die beiden Kempener Gymnasien sowie die Realschule sind.

„Das Tolle ist, dass es sich um den Blickwinkel der Schüler handelt. Es sind teilweise Dinge, die mir nie aufgefallen wären beziehungsweise bei denen mir nicht bewusst war, dass es sich um Unterschiede handelt“, sagt Ettine Bauer, Lehrerin am Luise-von-Duesberg-Gymnasium (LvD).

Dass die Taxis in Frankreich rot-grün leuchten, die Tastatur auf den Smartphones unterschiedlich ist und das die französischen Schüler den Segensspruch der Sternsinger nicht kennen, sind nur einige der Dinge.

Vincent (14) findet, dass in Deutschland viel mehr Fahrrad gefahren wird als in Frankreich, während Hannah (15) beim Frankreichbesuch im März auffiel, dass aktuell wegen der Terrorgefahr eine ungeheure Polizei- und Militärpräsenz vor Sehenswürdigkeiten und Kaufhäusern herrscht.

Genau bei diesen ernsten Aspekten hakte Politikwissenschaftler Klaus-Peter Hufer ein, der als Referent zum Workshop eingeladen war. Wie kommt es zur Entstehung von Vorurteilen? Welche Gefahren können in anderen Ansichten liegen? Wie Vielfalt vorteilhaft genutzt werden kann? Antworten auf solche Fragen, versuchte Hufer zu geben.

Dass Unterschiede nicht trennen, sondern bereichern, war ein wichtiges Ergebnis, das alle Workshop-Teilnehmer im Anschluss mit ins Kino nahmen. Denn zum Abschluss des arbeitsreichen und informativen Tages besuchten alle 80 Schüler die Kempener Lichtspiele am Buttermarkt, um sich gemeinsam den Film „Monsieur Claude und seine Töchter“ anzusehen. Der sehr zur Freude der französischen Gäste in deren Heimatsprache, versehen mit deutschen Untertiteln, lief.

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