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Schlachthöfe sehen keine Alternativen zur Kastration von Ferkeln

Tierwohl : Schlachter lehnen Ferkel-Impfung ab

Viele Schlachtbetriebe sehen keine Alternativen zur umstrittenen Kastration. Das sagt auch Klemens Hinßen, Qualitätsprüfer in der Schlachterei Thönes in Wachtendonk.

„Schwein ohne Pein“ heißt die Kampagne des Tierschutzvereins Düsseldorf, der die Ferkel-Kastration mittels unblutiger Improvac-Impfung vorantreiben möchte. Mit dabei ist neben Schweinezüchtern und -mästern aus dem Kreis Kleve auch der St. Huberter Landwirt Jörg Boves (die WZ berichte). Ein Grund, den Tierschützer und Landwirte als Hemmschuh für die Impfung genannt hatten, waren die Schlachthöfe, die für geimpfte Eber weniger bezahlten als für die, die unter Einsatz von Schmerzmitteln oder Narkose kastriert wurden. Zur Erklärung: Die Kastration mit Improvac ist ein immunologisches Verfahren, das die Bildung von Geschlechtshormonen verhindern soll. Dadurch wird für eine begrenzte Zeit die gleiche Wirkung wie bei einer Kastration erzielt. Im Normalfall benötigt ein männliches Tier zwei Impfungen. Die WZ sprach mit Klemens Hinßen, Qualitätsprüfer in der Schlachterei Thönes in Wachtendonk.

Als ein „komplexes Thema“ bezeichnet Hinßen die Kastration. Ihm ist das Projekt des Rheinischen Landwirtschaftsverbandes „100 000 Tiere mit Improvac“ bekannt. Doch nach aktuellem Stand könne Thönes die Schlachtung von geimpften Tieren nicht zulassen. „Wir sehen es nicht als richtig an, wenn in den Hormonhaushalt des Tieres eingegriffen wird.“ Die Impfung würde vom Verbraucher oft mit der Verwendung von Hormonen verwechselt. Der Verbraucher sei häufig sachlich und fachlich nicht so gut informiert. „Das meine ich nicht abwertend. Denn meist sind die Information, die verbreitet werden, nicht ausreichend oder suggestiv oder nicht nachvollziehbar.“

Schon die Art, wie die Tiere geimpft würden, bringe Probleme mit sich. Die erste Impfung erfolge, wenn das Tier etwa 40 Kilogramm wiegt und die zweite gut vier Wochen vor der Schlachtung. Dann wiegt ein Eber etwa 90 bis 100 Kilogramm. Weshalb die Tiere im Stall in der Gruppe und in der Bewegung geimpft würden, da man sie nicht mehr auf den Arm nehmen könnte wie ein nur wenige Tage altes Ferkel. Geimpft wird mit einer Pistole, die die Nadel in den Nacken treibt. „Wenn man nicht genau trifft, dann kann es zu inneren Blutungen und Verwachsungen im Fleisch kommen“, sagt Hinßen. Normalerweise sei das kein Problem, man könne das Stück herausschneiden. Aber kaufe ein Kunde bei einem Metzger einen Nackenbraten, dann würde er diese Verwachsung und damit Qualitätsminderung wahrnehmen.

Der Grund für eine Kastration sind sogenannte Stinker. Eber, die einen ausgeprägten Fäkalgeruch beim Braten ausströmen, der durch ihre Sexuallockstoffe hervorgerufen wird. Nur bis zehn Prozent der unkastrierten Eber seien davon betroffen. Darunter auch die, die mit Improvac geimpft wurden. Um diese im Schlachthof auszusortieren, braucht es speziell ausgebildete Mitarbeiter. Unter den Thönes-Mitarbeitern, so Hinßen, wurden vier Mitarbeiter in einer Testung herausgefiltert, die diese  Stinker an ihrem Geruch erkennen. Weiterer Test sei die Entnahme eines Stückchens Fleisch, das mit dem Bunsenbrenner erhitzt wird. Stinker-Fleisch käme in Deutschland nicht in den Handel. Es würde direkt vom Schlachthof entsorgt. „In der Vergangenheit haben wir aber nahezu keine Stinker gehabt.“

Die Möglichkeit, Ferkel mit Isofluran zu betäuben, zu kastrieren und dann mit Schmerzmitteln zu behandeln, findet Hinßen zu stressig für das Tier. „In der Zeit, in der es hochgehoben, in den Narkosetrichter gesteckt wird und dann betäubt ist, ist eine Kastration schon vorbei.“ Zudem sei eine Vollnarkose für die etwa ein Kilogramm schweren Ferkel problematisch. Und sie seien danach längere Zeit immobil, könnten nicht trinken. Ein Umstand, der nachhaltige und messbare Auswirkungen auf die Widerstandsfähigkeit und das spätere Gewicht habe. Beides bedeute finanzielle Verluste.

Weshalb Thönes nur Schweine annimmt, bei denen eine Kastration durch örtliche Betäubung und mit Schmerzmittel durchgeführt wurde. Dabei würden die Ferkel zwar zweimal hochgehoben – für die Betäubung und die Kastration –  aber beides geschehe so schnell, dass die Tiere dies kaum registrierten. „Die sind eher damit beschäftigt, dass sie jemand anfasst. Bevor sie mehr merken können, stehen sie schon wieder auf dem Boden und laufen zum Gesäuge der Mutter“, sagt Hinßen, der auf einem Bauernhof aufgewachsen ist. Zehn bis 15 Sekunden dauere eine Kastration durch geübte Landwirte, die einen Sachkundenachweis für die lokale Betäubung benötigten.