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Ruth Baum las im Kempener Thomaeum aus den Erinnerungen ihrer Kusine Irene Dahl, einer verfolgten Jüdin

Kempen : Ergreifende Erinnerungen einer Holocaust-Überlebenden

Ruth Baum las Schülern des Thomaeums aus den Erinnerungen ihrer Cousine Irene Dahl vor, die nach Riga deportiert worden war.

Am 16. Mai 1926 wurde Irene Dahl in Wickrath als Kind einer bürgerlichen, im Ort anerkannten Familie, die Viehhandel betrieb, geboren. Schon ein paar Jahre später veränderte sich die fröhliche Kindheit schlagartig in ein Leben voller Schrecken. Denn die Familie war jüdisch. Nicht streng orthodox, aber man besuchte die Synagoge, feierte die Feste im Jahreslauf und lebte in gutem Einvernehmen mit der Nachbarschaft.

Irene Dahl hat ihre Erinnerungen aufgeschrieben. Eigentlich für ihre eigenen Kinder und Enkel gedacht, aber auch mit dem Auftrag, dies weiterzugeben. Ihre Cousine Ruth Baum hat jetzt im Kempener Gymnasium Thomaeum Schülern der älteren Jahrgänge aus diesen Erinnerungen vorgelesen. Organisiert hatte Lehrer Johannes Vossen dies im Rahmen der Verlegung weiterer Stolpersteine in Kempen (die WZ berichtete).

Schnell wich die anfängliche Unruhe in der Aula gespannter Konzentration. Denn die Erinnerungen von Irene Dahl packten die Schüler. Irene, im gleichen Alter wie die Schüler, beschreibt das Unfassbare in klaren, einfachen Worten. Ihr Vater, Soldat des Ersten Weltkrieges, ausgezeichnet mit dem Eisernen Kreuz, glaubte lange nicht, dass die Familie bedroht sei durch die Machtergreifung der Nationalsozialisten. Dann kamen die ersten Repressalien. Die Bauern, mit denen er gehandelt hatte, trauten sich nicht mehr, mit dem Juden Geschäfte zu machen. Schließlich musste die Familie um das Überleben kämpfen. Der Erwerb war dahin, die Wohnung nicht mehr bezahlbar.

Schwieriger Weg zurück ins
Leben nach Befreiung aus KZ

Fast wäre Irene und ihrem Bruder die Flucht nach Chile dank einer Tante in Argentinien gelungen. Aber als sie die Visa in Berlin abholen wollten, brach der Zweite Weltkrieg aus, und es wurde unmöglich. 1941 folgte die Deportation der Familie nach Riga. Schreckliches erlebte die Jugendliche dort. Den Verlust von Vater und Bruder musste sie als erstes verkraften. Dann erlebte sie Hunger und die ständige Ungewissheit, was im nächsten Augenblick geschehen würde. Mit viel Glück überlebte sie.

Als das Lager im März 1945 befreit wurde, fing der mühselige Weg in die neue Zeit an. Wohin sollte Irene gehen? Verwandte hatte sie nicht mehr. Überraschend erfuhr sie dann, dass sie ein Bekannter, der ebenfalls im KZ gewesen war, über das Rote Kreuz suchte. Er wurde später ihr Ehemann.

Schülerin Agatha (17) vom Thomaeum fand die Erzählung sehr ergreifend. Aber sie habe auch versucht, sich etwas zu distanzieren, damit ihr das nicht zu nahe geht, gab sie ehrlich zu. Angesichts der Stimmen für Rechtspopulisten, wie sie sich bei den gerade stattgefunden Europawahlen gezeigt haben, fand sie es wichtig, sich mit dem Thema zu beschäftigen.